Sollten Tantriker ausgerechnet von BDSMler*innen lernen können?

Tantra und BDSM galten lange Zeit als gegensätzlich. Während es im Tantra um Steigerung der Sensibilität,  respektvolle Begegnung auf Augenhöhe, Achtsamkeit, Heilung und Spiritualität ging, so stand BDSM für eher grobe sexuelle Praktiken, den besonderen Kick durch die Verbindung von Lust und Schmerz sowie die erotische Besetzung von Macht und Unterwerfung durch Fesselungen oder Rollenspiele. Es gab kaum Verbindungen zwischen den beiden Subkulturen. Tantriker vertraten die Ansicht, mit BDSM würden alte Verletzungen ausagiert, was leicht zu Retraumatisierung führe. BDSMler belächelten die Tantraszene als Hort für Weicheier und Blümchensex.

Tabu in der Mitte der Gesellschaft

Die Zeiten haben sich verändert, BDSM scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen und Angebote, die beides kombinieren, sprießen wie Pilze aus dem Boden. Dennoch bewegen wir uns hier in einem Tabubereich und es gibt nach wie vor viele Vorurteile, Missverständnisse und Berührungsängste. Gut möglich, dass einige Leserinnen und Leser überrascht, was auch mich vor einigen Jahren in Erstaunen versetzt hat: Tantra kann von BDSM so manches lernen.

Von BDSM lernen?

  1. BDSM ist nicht gleich BDSM. Hinter dem Kürzel verbirgt sich eine ähnlich heterogene Szene wie im Tantra. Doch für die meisten, die BDSM praktizieren, ist Konsens die absolute Grundvoraussetzung für das gemeinsame Spiel (SSC = safe, sane and consensual). Über Grenzen (sogenannte soft bzw. hard limits) wird meist sehr genau kommuniziert.
  2. Da es im BDSM kaum Vorannahmen darüber gibt, wie eine sexuelle Begegnung auszusehen habe, wird oft genauer über persönliche Vorlieben und Abneigungen gesprochen als im Tantra.
  3. Aufgrund des zweifelhaften Rufs, den BDSM-Praktiken genießen, ist die Toleranz gegenüber ungewöhnlichen Spielarten (auf die man evtl. selbst gar nicht steht) in der Szene sehr weit entwickelt, vielleicht sogar weiter entwickelt als in der Tantraszene, wo bekanntermaßen die Fähigkeit nicht zu werten hoch im Kurs steht.
  4. Präsenz ist eine der Kernqualitäten tantrischer Sexualität. Da das Spiel mit Dominanz und Unterwerfung wie auch mit Schmerz oft bis an die persönlichen Grenzen heranreicht, ist auch unter BDSMlern die Fähigkeit im Hier und Jetzt präsent zu sein gut ausgebildet.
  5. Es ist nicht auszuschließen, dass unter dem Deckmantel von BDSM Missbrauch und Retraumatisierung stattfinden. Das gilt aber leider auch für  Erfahrungen im Tantra.  Auf Facebook gibt es eine eigene (englischsprachige) Gruppe „Tantra not Trauma“, in der solche Geschehnisse intensiv diskutiert werden.
  6. Während im Tantra nicht selten althergebrachte Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit gelehrt werden, wird die Fixierung auf heteronormative Zweigeschlechtlichkeit in der BDSM-Szene gerne durchbrochen, mit einem breiten und bunten Verständnis diverser Geschlechtlichkeit und sexueller Orientierungen.
  7. Die im BDSM schier unglaubliche Fülle erotischer Spielarten und dazu verwendeter Spielzeuge speist Neugier und Offenheit, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Auch davon können wir uns im Tantra inspirieren lassen, gerade wenn wir meinen, das Potenzial unserer Sexualität schon gut zu kennen.

Ich bin weit davon entfernt, Werbung für BDSM machen zu wollen. Wenn du dich von dessen Praktiken nicht angezogen fühlst, musst du dich nicht damit befassen. Die erwähnten Fähigkeiten, wie Einverständnis herzustellen, Respekt für Grenzen, Kommunikation, Akzeptanz, Präsenz, Unvoreingenommenheit und Spielfreude lassen sich auch auf anderen Wegen erwerben.

Ausdruck früherer Verletzungen?

Vielleicht hilft dieser Newsletter aber, neugierig zu bleiben, Vorurteile abzubauen und weniger abzuwerten, was wir nicht kennen. Entgegen der verbreiteten Vermutung, eine Neigung zu BDSM sei Ausdruck psychischer Störungen oder Verletzungen aus der Kindheit, belegen einige Studien eher das Gegenteil.

Meine persönlichen Erfahrungen in der Szene sind rudimentär, doch sie weisen in eine ähnliche Richtung. Auch den Verdacht, dass im Zuge von BDSM – wie der Roman Shades of Grey nahelegt – patriarchales Dominanzgebaren wiederauferstehe, kann ich nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil habe ich dort Frauen erlebt, die sehr explizit zu sich und ihrer Sexualität stehen, sei sie nun dominant oder devot. Meine persönlichen erotischen Vorlieben und mein Verständnis erotischer Dynamik haben eine Bereicherung erfahren.

Jederzeit die Verantwortung

Doch was auch immer ich ausprobiere: Es gibt für mich nichts Erfüllenderes als die Verbindung von tiefer Liebe, erotischem Begehren, kindlicher Neugier und wacher, unvoreingenommener Präsenz, getragen von der Bereitschaft, jederzeit die Verantwortung zu übernehmen, auch und gerade dann, wenn ich sie abgebe.

Das Label ist mir dann ziemlich egal.

Text: Saleem Matthias Riek

Website: www.schule-des-seins.de

Hard skills meet soft skills
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Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist 1959 geboren, Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge, Buchautor und lebt bei Freiburg im Breisgau. Seit 1986 erfolgreiche therapeutische Arbeit mit Einzelnen und Gruppen, seit 1992 mit den Schwerpunkten Liebe, Erotik, Paarbeziehung und Tantra, seit dem Jahr 2000 auch in der Ausbildung von Gruppenleitern tätig. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Weitere Bücher, darunter ein Roman, sind in Vorbereitung.

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