Auf dass die Liebe wachse

Was mag Tantra bedeuten? Dieser Frage möchte ich einige Gedanken widmen. Wohl wissend, dass alles Aufgeschriebene scheinbar vom Nicht-Aufgeschriebenen abgehoben wird. Dies aber liegt in der Natur eines Textes, und so bitte ich den Lesenden, der möglichen Wahrheit des Geschriebenen nachzuspüren, und die möglichen Wahrheiten von vielem Nicht-Geschriebenen für den Moment außer Acht zu lassen.

In seiner spirituellen Bedeutung bezeichnet Tantra einen der vielen Wege zum Erwachen. Oder zumindest den Bestandteil eines solchen Weges. Davon ausgehend, dass es ein Erwachen gibt, und einen Weg dorthin. Tantra in diesem Sinne ist somit ein Begriff welcher auf etwas weist, das jenseits des Gegenständlichen liegt, über die Dinge hinausgeht, und also gerade nicht intellektuell, verstandesgemäß begriffen werden kann. Deshalb möchte ich zunächst ein wenig die Etymologie des Wortes Tantra betrachten, um Nahrung für mögliche Deutungen zu erhalten.

In der Literatur nachforschend lassen sich eine Reihe von Bedeutungen für Tantra finden, wie etwa Lehre oder Text im Sinne der tantrischen Lehren und Texte. Und aus der Weberei stammend werden die Übersetzungen Gewebe oder Netz angeführt. Darüber hinaus könnte man weitere Lesarten durch die Zerlegung in den Wortstamm tan, ausdehnen oder wachsen, und die Nachsilbe tra, die üblicherweise in Zusammenhang mit Werkzeugen verwendet wird, erhalten. Tantra wäre in dieser Deutung also ein Werkzeug des Wachstums.

Was zur Frage führt welches Wachstum gemeint sein könnte? Häufige Interpretationen haben hier die Ausdehnung, die Erweiterung des Bewusstseins im Auge. Aber wenn es um reine Bewusstseinserweiterung gehen würde, ließe sich diese eventuell auch durch Einnahme von Drogen bewerkstelligen. Ganz davon abgesehen, dass sich eine Definition des Begriffes Bewusstsein schwierig gestaltet.

Auch wird Bewusstsein eher mit Wahrnehmung der Welt in Zusammenhang gebracht, und mir erscheint Wechselwirkung, Verbindung, Verknüpfung wichtiger. Wie wäre es, die Liebe als solche anzusehen? Für mich bedeutet Lieben in einen positiven, bejahenden Kontakt zu treten. Mit mir selbst, anderen Menschen, mir nahen und fernen, Tieren, der Natur, dem Leben und der Welt als Ganzem. Tantra könnte somit interpretiert werden als ein Weg liebevolle Verbindungen herzustellen, und das Gewebe, das Netz der Verknüpfungen, und somit die Liebe, weiter und weiter wachsen zu lassen.

Hierfür sind Berührungen wesentlich. Berührt werden, sich berühren lassen, selbst berühren. Mit allen Sinnen. Wobei ich mich durch Kunst berühren lassen kann. Einem Bild, einem Lied, oder Gedicht. Der Schönheit der Natur, einer Blume, eines Baumes, einem Bergpanorama. Oder durch andere Menschen. Achtsame, liebevolle Berührungen des Körpers haben auch das Vermögen das Herz, die Seele zu berühren. Und diesen Berührungen sollten keine Grenzen gesetzt sein, außer den persönlich gezogenen. Durch Zulassen von Berührungen kann Liebe entstehen und wachsen.

Wobei Wachstum häufig bedeutet aus Komfortzonen heraus zu treten, Widerstände zu überwinden, Grenzen zu überschreiten. Aber der Wunsch nach Wachstum sollte aus dem Innen heraus entspringen, und nicht vom Außen gefordert werden. Und auch im Einklang mit den Grenzen der Anderen sein. Denn wie sagte der Buddha: Verlangen hat das Vermögen Leid zu erzeugen, und auch wenn Wünsche geäußert werden dürfen, sollte stets die Bereitschaft bestehen, diese loszulassen. Sodass im besten Falle Gegensätze und Unterscheidungen überwunden werden. Sich eine Balance, ein Gleichgewicht, zwischen Innen und Außen einstellt. In dem auch die Liebe grenzenlos werden kann.

Zu guter Letzt scheint mir Tantra eine schöne Weise zu sein den eigenen Weg zu erkunden. Ich denke, das eigene, persönliche Erwachen wird sich nie entlang des Pfades eines anderen Meisters einstellen. Mögen sie auch noch so erleuchtet gewesen sein wie Buddha, Jesus oder Muhammad. Auch wenn ihre Erfahrungen und Einsichten viel Inspiration beisteuern können. Der eigene Weg lässt sich am sichersten durch Intuition erspüren, durch Herzgefühl. Und wo könnte dieses stärker sein, als an Orten großer Verbundenheit mit der Welt, Orten großer Liebe. An denen sich das Selbst auflösen kann, und alles Eins wird.

Die Lehren des Buddha studierend und den Noblen Achtfachen Pfad habe ich mich lange gefragt wodurch man denn das Rechte vom Unrechten unterscheiden könne in Rechter Erkenntnis, Rechter Gesinnung, Rechter Rede, Rechtem Handeln, Rechtem Lebenswandel, Rechtem Streben, Rechter Achtsamkeit und Rechtem Sich Versenken? Wo doch der Buddha uns auch lehrte nicht zu werten. Heute denke ich es sind jene Handlungsweisen die das Vermögen haben die Liebe zu mehren.

Text: Matthias Jamin

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Auf dass die Liebe wachse
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Matthias Jamin

Matthias Jamin ist Jahrgang 1962, promovierter Physiker, und arbeitete hauptsächlich in der wissenschaftlichen Forschung zu Grundlagen der Materie, fundamentalen Wechselwirkungen und Elementarteilchenphysik. Sein spiritueller Weg führte seit Mitte der 1990er Jahre über Meditation in Zen und Vipassana Tradition 2015 zum Tantra, mit dem er sich neben der Physik seitdem intensiver beschäftigt. Darüber hinaus verbringt er mit Begeisterung einen Teil seiner Freizeit in den faszinierenden Weiten der Unterwasserwelt.

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