Tantra und Beziehungskunst passen sehr gut zusammen.

Ein typisches Klischee von Tantra ist, das sei spiritueller Sex. Also nicht einfach nur Sex, sondern aus spirituellen Gründen oder Eitelkeit aufgewerteter, »spirituell gemachter« Sex. Das ist in zweifacher Hinsicht falsch. Erstens, weil die Lebensphilosophie des Tantra der körperlichen Liebe nichts Ideologisches hinzufügen, sondern sie auf natürliche, unverklemmte und liebevolle Weise praktizieren will. Zweitens, weil Sex im Tantra nicht das A&O ist, sondern Liebe, Bezugnahme, Verbindung. 

Sex ist zwar die intensivste körperliche Art der Verbindung und als solche potenziell ekstatisch. Ekstase ist jedoch primär etwas Geistiges. Die körperliche Ekstase in Form des Orgasmus wird im Tantra nicht priorisiert – Liebe, Achtsamkeit, Hingabe und Mitgefühl gelten unter Tantrikern als wichtiger. 

Tantra und Beziehungskunst passen deshalb sehr gut zusammen. Es gibt zwar auch in tantrisch orientierten Kreisen viele beziehungsflüchtige Freigeister, das liegt jedoch nicht daran, dass Tantra etwa Beziehungen keinen großen Wert beimessen würde. Eher hat es damit zu tun, dass Menschen aus Beziehungen ausbrechen, die sie als Gefängnis empfinden, und dann oft erst einmal in vollen Zügen den Gegenpol auskosten wollen, die Freiheit. Bis sie wiedererkennen, wie erfüllend Bindung ist. Noch tiefer forschend finden wir, wie sehr wir unausweichlich Beziehungswesen sind.

Tantra »befreit« Sexualität, das stimmt. Es befreit aber auch die Selbstfürsorge und das sich Eingestehen der eigenen Wünsche nach Bindung und Geborgenheit. Wer sich mutig in die in Deutschland angebotene weite Welt des (Neo-)Tantra hineinwagt, hat unendlich viele Möglichkeiten, Beziehungskunst zu erlernen: das Zuhören und Sprechen über Tabu-Themen; Berührungskunst, die keinen Körperteil auslässt; Zärtlichkeit im Körperlichen und Verbalen, sogar in Gedanken; das sich mitfühlend Hineinversetzen in die Menschen, auf die mein Tun, Sprechen und Denken sich auswirkt; Fühlen und Empfinden, ohne davon besessen zu sein, denn auch starke Gefühle kommen und gehen. Loslassenüben ist gut, aber auch das Dranbleiben will geübt sein, nicht jedes Loslassen ist gut. 

Bei der Entscheidung eines Paares: »Bleiben wir zusammen oder nicht?« – ebenso beim Dating: »Wollen wir ein Paar bilden?« – kann man sich fünf Fragen stellen: 

1. Fühlen wir uns körperlich wohl miteinander? Auge, Ohr, Nase, Mund und Haut wollen dabei gefragt werden. 

2. Ist dieses Wohlgefühl der Zusammengehörigkeit da: Du gehörst zu mir, ich zu dir, wir mögen uns, und wenigstens ab und zu flattern dabei ein paar Schmetterlinge im Bauch – lieben wir uns? 

3. Sind wir einander geistig-weltanschaulich so nahe, dass wir uns nicht ständig darüber streiten müssen, wer mit seiner wie auch immer gefilterten Sichtweise Recht hat?

4. Können wir den Alltag auf eine Weise miteinander teilen, dass wir uns dabei miteinander und ineinander beheimatet fühlen?

5. Gehen wir in wenigstens einigen der für uns relevanten Bereiche nicht nur aufeinander zu, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung?

Du kannst diese fünf Fragen sehr verschieden gewichten. Wenn die Gewichtung dieser Werte seitens deines gewählten Partners nicht sehr von deiner differiert, umso besser. Die Frage, wie exklusiv du das hältst, was ich hier »Paarbeziehung« genannt habe, will ich diesmal nur so weit beantworten: Auch Vielfach-Beziehungen und Freundeskreise setzen sich aus dualen Achsen zusammen, in der Grundform ist Beziehung immer ein Ich-und-Du.

Sugata (Wolf Schneider), Gründer und ehemaliger Herausgeber der Tantra Specials und des Tantra-Newsletters.

Webseite: www.connection.de

Email: sugata@connection.de

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Anstehende Veranstaltungen mit Wolf Sugata Schneider: http://bewusstseinserheiterung.info/mein-angebot/index.html

Die duale Achse
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Wolf Schneider

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium generale an der Uni München. 1976 buddh. Mönch in Thailand. 1977 Initiation durch Osho. 1979-81 Ausbildung durch Veeresh. Gründung der spirituellen Gemeinschaften Divya Ashram (1980) und Connectionhaus (1991). 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection Spirit und der Connection Tantra Specials. Seit 2007 Theaterspiel, Kabarett und Humorworkshops.

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3 thoughts on “Die duale Achse

  • 19. Juni 2020 um 21:13
    Permalink

    Lieber Sugata,

    schön wieder von dir zu hören. Ich fühle zwischen deinen worten Weisheit. Danke!

    Von Herzen, Euer und Dein Deva

    Antworten
  • 2. Juli 2020 um 10:32
    Permalink

    Lieber Wolf,

    gut, daß Du das „spirituelle“ Tantra in Frage gestellt hast. Ich persönlich sehe wenig Spirituelles im Tantra, wenn ich Spiritualität definiere als Kontakt zu haben mit einer „höheren“ Bewusstseinsebene oder einer „höheren“ Seinsebene. Diese Bewusstseins- oder Seinsebene kann nicht beschrieben werden für jemandem, dem sie nicht zugänglich sind. Meine Tantra-Erfahrung bezieht sich auf Tantra-Gruppe – Seminar – Schnupperwochenende bei Matthias Riek vor langer Zeit und mehrere Tantraseminare bei Lucian Loosen vor ein paar Jahren. Ich traf dort nette Menschen, lebendige Menschen, liebe Menschen und vor allem an Sex interessierte Menschen – nur Spiritualität sah ich eigentlich nirgends, da ändert auch nichts daran, wenn im Seminar ein „Herzensgebet“ rezitiert oder sich im Gegenüber als Shiva und Shakti bezeichnet wurde. Tantra spielt sich auf der Gefühls- und Beziehungsebene ab aber Spiritualität – das ist nocheinmal etwas völlig anderes und nach wie vor nur wenigen zugänglich.
    Etwas skeptisch bin ich bei deinem Ansatz, Tantra sls „Beziehungskunst“ zu definieren. Grundvoraussetzung für eine gelungene Beziehung ist, sich nicht verwickeln zu lassen und nicht verletzbar zu sein. In keinem Tantrakurs sah ich auch nur Ansätze, um überhaupt das Problem zu sehen. Die Menschen gehen wunschgetrieben zu einem Tantrakurs und sind schon von daher – vom Buddhismus her aber auch von der Gurdjieff-Bennett-Richtung her – völlig im Beziehungslabyrinth gefangen.

    Es grüsst dich Thomas Deutschbein

    Antworten
  • 5. Juli 2020 um 15:49
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    Lieber Thomas,
    was du da ansprichst, berührt die Frage, was Spiritualität eigentlich ist. Für mich ist das nicht etwas, das man dem Weltlichen (Profanen, Säkularen) hinzufügt, um es zu bessern, und auch mit dem Konzept einer „höheren Ebene“ habe ich Schwierigkeiten. Wenn etwas so Natürliches und Schönes wie Sex in seiner Einfachheit und Schönheit erkannt, gelebt und genossen werden kann, was will man mehr? Das ist dann für mich „spirituell“ – oder ich verzichte lieber auf Spiritualität. Gewiss gibt es auch Missbrauch von Sex, sexuelle Gewalt und Nötigung usw. und generell Unverantwortlichkeit im Umgang mit Sex, was Verletzbarkeit und Folgen (Kinder, die dabei entstehen können; Krankheiten…) anbelangt. Der gute Umgang mit Sex verlangt viel von uns. Nur – das „Spiritualisieren“ von Sex, um es dadurch aufzubessern, weil Sex allein etwa noch nicht gut genug wäre, das gefällt mir nicht.
    Die Wirklichkeit, so wie sie ist, unaufgebessert, wenn wir die nur erkennen könnten, das wär‘ doch schon mal was!
    LG
    Wolf

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