Tantra, Tantramassage und Prostitution

Meine ersten Erfahrungen mit Körperarbeit sammelte ich mit Reiki, dem Handauflegen nach dem Japaner Dr. Mikao Usui. Dort gibt es traditionell 17 Positionen, wo die Hände auf der Körpervorderseite und -rückseite aufgelegt werden. Die körperliche Berührung fördert nicht nur die Selbstheilungskräfte, sondern wirkt auch schmerzlindernd, entschlackend und entgiftend. Auf der emotionalen Ebene fördert Berührung Entspannung und Ausgeglichenheit und steigert Lebensfreude und (Selbst-)Vertrauen. Selbst auf der mentalen Ebene wirkt die Berührung mit Befreiung von Stressgedanken und negativer Denkstrukturen und steigert sogar die Lernfähigkeit.

Was hat diese Vorrede mit dem Thema „Tantra und Sexarbeit“ zu tun? Ich habe mich in meiner Ausbildung zum Reiki-Meister und -Lehrer immer wieder gefragt, warum die traditionellen Positionen die Genitalien aussparen. Die Antwort, dass die Lebensenergie ohnehin dorthin fließe, wo sie gebraucht wird hat mich nicht befriedigt. In meiner darauf folgenden Ausbildung zum Tantralehrer habe ich viele Menschen erlebt, deren (manchmal unbewussten) Verletzungen in sexueller Hinsicht erst durch die absichtslose und liebevolle Berührung der Genitalien an die Oberfläche und nach Heilung drängten. Berührung ist ein ganzheitliches Körpererleben!

Vereinfacht dargestellt: unser Rechtssystem definiert Berührung der Genitalien als „sexuelle Handlung“ und wenn eine sexuelle Handlung gegen materielle Gegenleistung (Geld oder Sachleistungen)  durchgeführt wird, handelt es sich um Prostitution. Das wäre an und für sich a priori nichts Schlimmes, wenn das „älteste Gewerbe der Welt“ in den Köpfen unserer Gesellschaft nicht eine derartige Stigmatisierung erfahren würde. Stigmatisiert sind meist auch nur die Anbieter – nicht die Kunden. Provokant gesagt: Jeder macht es, aber keiner spricht darüber. Sexualität ist in den meisten Köpfen noch immer ein Tabu.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert: „Sexuelle Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. Sie ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen.“

Wenn also Gesundheit allgemein, Wohlbefinden und Lebensqualität untrennbar mit „gesunder“ Sexualität verbunden sind, warum wird sie dann behandelt, wie ein lästiges Anhängsel? Immerhin stellt die Sexualität auch die Grundlage für das Fortbestehen der Menschheit dar! Warum wird dieser Teil der Gesundheitsförderung in die Privatsphäre unter die Bettdecken abgedunkelter Schlafzimmer verbannt? Für jeden anderen Gesundheitsbereich gibt es offizielle Spezialisten – warum werden die Experten für gelebte Sexualität per Gesetz gezwungen, sich als Prostituierte anzumelden?

Grundsätzlich anerkenne ich die Regeln und Gesetze des Landes in dem ich lebe. Doch bin ich nicht mit allen einverstanden. Ich habe viel Zeit und finanzielle Mittel in die Aus- und Weiterbildung verschiedener Massageformen investiert, die die ganzheitliche Berührung des Körpers beinhalten. Die aktuelle Gesetzeslage verbietet mir aus verschiedenen Gründen die Ausübung dieser heilsamen Körperarbeit. Ich wünsche mir daher ein grundlegendes Umdenken in Politik und Gesellschaft hinsichtlich ganzheitlicher Gesundheit. Dazu gehört auch die Entkopplung heilsamer und absichtsloser Berührung vom sogenannten „Rotlichtmilieu“.

Nebenbei bemerkt habe ich mich auch schon gefragt, ob dieser Staat überhaupt ein Interesse an gesunden und zufriedenen Bürgern hat. Warum sonst würde der Staat „Vergnügen“ besteuern? Vergnügungssteuer wird z. B. erhoben auf Tanzveranstaltungen, Spielautomaten und … Sex!

 

Text: Klaus Gabriel Peill

Webseite: www.quinta-essentia.de

Tantra, Tantramassage und Prostitution

Klaus Peill

Klaus Gabriel Peill, Jahrgang 1961, Tantra- und Reiki-Lehrer, Familiensteller und spiritueller Wegbegleiter. Als ausgebildeter Bankkaufmann, Elektroingenieur und Tonmeister war er 20 Jahre in der Vermarktung professioneller Audiotechnik tätig. Seit April 2010 selbständiger Gesundheitspraktiker (BfG) mit Schwerpunkt Persönlichkeitsbildung leitet er Seminare und gibt körperorientiertes Einzel- und Paarcoaching als Lebenshilfe und Begleitung in Lebenskrisen & Veränderungsprozessen.

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6 thoughts on “Tantra, Tantramassage und Prostitution

  • 22. November 2018 um 13:48
    Permalink

    Hallo Klaus

    Wie du ja schreibst lässt sich Tanta nicht wirklich, jedenfalls gesetzlich, von Prostitution abgrenzen.
    Ich sehe die einzige sinnvolle Variante darin, den Ruf der Prostitution zu stärken.
    Den egal ob spirituelle Sexualität oder reine Lustbefriedigung – es handelt sich in jedem Fall um eine höchst Verantwortungsvolle Tätigkeit.

    Was, wenn Prostitution ein Beruf mit Ausbildung (Themen: Recht, Medizin, Psychologie,…) Reglementen, Prüfungen und nicht zuletzt Mindestlöhnen, Gesamtarbeitsverträgen und Gewerkschaften wäre?
    Bestimmt würde niemand nach so einer mehrjährigen Ausbildung auf dem Strassenstrich arbeiten wollen, Loverboys wären ihren Job los, Flatrate-Puffs, Menschenhandel etc. würde bald kaum mehr existieren (genügend Mittel für die Polizei vorausgesetzt, damit das auch kontrolliert werden kann)

    Dummerweise müssten wir als Gesellschaft da erst noch einiges an der Haltung gegenüber Sexualität weiterentwickeln.

    Antworten
    • 23. November 2018 um 0:12
      Permalink

      Lieber Andreas,

      danke für Deinen Kommentar!
      Im Grunde sehe ich Deinen Vorschlag als eine Variation der Forderungen in Martina Weisers Artikel (https://www.tantranetz.de/das-prostschg-und-die-folgen).

      „Wir wünschen uns eine zeitgemäße und differenzierte Betrachtung der Personen, die die Arbeit mit Sexualität zu ihrem Beruf gemacht haben. Zum Schutz derjenigen, die diese Arbeit unter Zwang ausführen müssen gibt es bereits hinreichend viele andere Gesetze.
      Alle die frei und selbstbestimmt arbeiten tragen bei zu einer neuen sexuellen Kultur – und die braucht unsere Gesellschaft heute mehr denn je, als gesundes Gegengewicht zu #metoo und youporn. Wenn schon ein neues Gesetz, dann ein „Sexualpraktikergesetz“.“

      Und ja, der Umgang mit Sexualität ist eine höchst verantwortungsvolle Tätigkeit, die eine gute Ausbildung, Zertifizierung, Erfahrung und Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Klienten erfordert!

      Dennoch tendiere ich zu einer Differenzierung von Sexarbeit im Sinne heilsamen Wachstums und jener, die der reinen Lustbefriedigung dient. Ohne dabei das eine über das andere zu stellen. Beides hat seinen Wert und erlangt ihn durch die von Dir erwähnte Haltung (ich nenne es Wertschätzung) der Gesellschaft gegenüber dem Thema Sexualität.

      Ein Weg hin zu mehr Bewusstheit, Selbstverantwortung und Freiheit …

      Danke und Aloha,
      Klaus

      Antworten
  • 22. November 2018 um 19:00
    Permalink

    Prostitution als Beruf wird weder die CSU oder der konservative Flügel der CDU noch der feministische Flügel der Grünen zulassen!

    Antworten
    • 23. November 2018 um 0:26
      Permalink

      Lieber Wilfried,

      danke auch für Deinen Kommentar!

      Interessant ist, dass der Volksmund die Prostitution als „das älteste Gewerbe der Welt“ bezeichnet.
      Und ein Gewerbetreibender übt doch einen Beruf aus, wenn ich das richtig verstehe.
      Zumindest folgt er seiner „Berufung“ …
      Die von Dir genannten Gruppen negieren nach meinem Verständnis das Recht individuelle Selbstbestimmung im Bereich der Sexualität und berufen sich auf eine gesellschaftlich tradierte Moralvorstellung, nach der sie jeden Menschen be-, wenn nicht sogar ver-urteilen.
      Da fällt mir auf, dass die letzte Hexenverbrennung vermutlich Anfang des 19. Jh. und der letzte Hexenprozess im England des 20. Jh. stattfand. Das legt die Vermutung nahe, dass die Ausgrenzung freier und offen denkender Menschen im kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft weiterlebt und sich nur die Zielgruppe von „kräuterkundiger Frau“ zu “ sexuellen Freigeistern“ geändert hat.
      (Mir ist klar, das meine Vermutung provokant daher kommt und ich hoffe auf reichlich Kommentare 😉 …)

      Danke und Aloha,
      Klaus

      Antworten
  • 1. Dezember 2018 um 2:21
    Permalink

    Lieber Klaus

    Du hast mir aus der Seele gesprochen, als du erwähntest, dass bei deinen vielen Ausbildungen zur Körpersarbeit oder Energiearbeit, die Genitalien (was für ein gruseliges Wort das schon ist, gibt es da nicht was erfreulicheres) ausgespaart werden. Das hat mich auch immer wieder frustriert. Ich kam mir wie in Stücke zerteilt vor. Keineswegs im gewünschten Fluss der Energie. Das führte mich zum Tantra. Welche Erleichterung, endlich als ganzes wahrgenommen zu werden, mich ganz zu fühlen!!! Nur mit der Absichtslosigkeit happert es bisweilen bei meinen Kontakten. Wenn dieses Absichtslose wiklich da ist, dann können Blockaden gehen und Heilung geschehen. Und das ist für mich Gesundheit.
    Liebe Grüße Sibylle

    Antworten
    • 3. Dezember 2018 um 10:42
      Permalink

      Liebe Sibylle,
      vielen Dank für’s Teilen Deiner persönlichen Erfahrungen!
      Den Mensch als Ganzes zu sehen und berühren zu dürfen – das ist es, was „ganzheitliche“ Heilkunst wirklich ausmacht!
      Gesundheit auf allen Ebenen …
      Und einen Mangel an Absichtslosigkeit können wir alle nur dadurch in liebevolle Zugewandtheit verwandeln, indem wir unsere Bedürftigkeit als solche auch bewusst erkennen und annehmen. Und in einem weiteren Schritt durch bewusste Begegnung und respektvolle Kommunikation die Sehnsucht nach Berührung, Angenommensein und Zugehörigkeit stillen.
      Alles Liebe und gute Zeit für Dich!
      Aloha, Klaus

      Antworten

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