Das ProstSchG und die Folgen

Die Umsetzung des ProstSchG – alle entspannt außer Bayern?

An vielen Orten bleiben die Behörden ruhig und lassen uns Anbieter von Tantra-Massagen stillschweigend gewähren. Manche haben sich selbst bei den Behörden gemeldet und haben zu hören bekommen, dass ihre Arbeit nicht unter das ProstSchG fällt.

Aktuell weiß ich von zwei Fällen (eine Praxisleitung und ein Tantra-Masseur, beides Mitglieder im TMV), wo die Behörden das Gesetz eng auslegen wollen. Der Berufsverband für Tantramassage (=TMV) hat einen Anwalt hinzugezogen und unterstützt beide Fälle. Unter Umständen muss vor Gericht geklärt werden, welche Absicht das Gesetz hat und welche Konsequenzen sich daraus ableiten lassen.

Eine Mitgliedschaft im Berufsverband für Tantramassage ist für alle Personen möglich, die eine TMV-zertifizierte Ausbildung haben oder eine vom TMV zertifizierte Praxis betreiben. Im Gegensatz zu den Anfangsjahren ist nun auch eine rein passive Mitgliedschaft möglich. Bitte engagiere dich und hilf uns dabei etwas zu bewegen.

Die Zeitung „Welt“ hat im Oktober 2018 bei mehreren deutschen Großstädten nach konkreten Anmeldungen gefragt – die Zahlen sind ernüchternd:

„…In Berlin etwa sind nach aktuellem Stand nur 270 von geschätzt 7000 Frauen registriert, die gegen Geld ihren Körper verkaufen. In Hamburg waren es rund 1500 von geschätzten 5000 Prostituierten, in Stuttgart 170 von knapp 2000, in Leipzig 47 von 3.600.

Auch in Köln, Düsseldorf, Dortmund und Hannover hat sich der Abfrage zufolge nur ein geringer Anteil der Frauen registriert, die sich nach Schätzungen von Beratungsstellen, Ordnungsämtern oder Polizei in den Städten prostituieren. Lediglich München bildet eine Ausnahme: Aufgrund der schon seit Jahren strengen Kontrollen und Regeln haben sich den Angaben der Stadtverwaltung fast alle der dort geschätzten rund 2400 Prostituierten angemeldet.“ (Siehe Link am Ende des Artikels)

Anbieter von Tantra-Massagen wollen in Ruhe arbeiten und auch nicht in Konflikt mit dem Gesetz kommen. Viele die sich eine Anmeldung als Prostitutionsgewerbe nicht vorstellen konnten, haben im vorauseilenden Gehorsam ihre Arbeit beendet.

 

Wie konnte es zu diesem Gesetz kommen?

Bei der Anhörung von Experten auf der 64. Sitzung des Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am 6. Juni 2016 in Berlin wurde ausführlich über die verschiedenen Aspekte der Prostitution diskutiert – in dem öffentlich zugänglichen 156-seitigen Protokoll wird kein einziges Mal der Begriff Tantra-Massage erwähnt!

Nur die von ProFamilia angebotene Sexualbegleitung ist kurz Thema, um darauf hinzuweisen, dass „sexuelle Dienstleistung“ sehr unterschiedlich aussehen kann.

Unser Beruf wurde schlicht übersehen! Die Vorstellung, dass Frauen und Männer sich heutzutage in diesem Bereich ausbilden lassen und selbstbestimmt arbeiten, hatte in dieser Diskussion keinen Platz. Stattdessen wurden drastische Bilder beschrieben von Menschenhandel und dem Elend in der Prostitution. Es ist verständlich, dass mögliche Opfer von Menschenhandel oder Zuhälterei besser geschützt werden sollen. Die dafür geplanten Beratungsgespräche könnten effektiver verlaufen, wenn sie sich auf Personen ohne Ausbildung beschränken.

Die eigentliche Zielsetzung des Gesetzes und die Anwendung auf zertifizierte Anbieter passen nicht zusammen – das ist ein gewichtiges Argument in der anstehenden juristischen Auseinandersetzung.

 

Die Anbieter

Welche Personen arbeiten mit zertifizierter Tantra-Massage?

Frauen und Männer, die eine aufwendige Ausbildung absolviert haben, müssen nicht davor geschützt werden, ihrer Arbeit nachzugehen. Unsere Gesichter findet man im Internet – aber nicht in den Beratungsstellen, bei der Polizei oder anderen Organisationen, die bei der Entstehung des Gesetzes befragt wurden.

Anbieter von zertifizierter Tantra-Massage:

12 von derzeit 28 Frauen und Männer aus dem Ananda Team
  • Sind zu 90% weiblich
  • Sind überwiegend deutscher Herkunft
  • Sind meistens zwischen 30-55 Jahre alt
  • Sind überdurchschnittlich gebildet
  • Sind sehr gesundheitsbewusst
  • pflegen oft einen alternativen Lebensstil
  • interessieren sich für Yoga und Meditation
  • arbeiten alleine oder in Praxen auf selbständiger Basis
  • arbeiten in Teilzeit

Wie viele Anbieter gibt es?

Grob geschätzt etwa 1.000 – 2.000 Anbieter von Tantra-Massagen in Einzelterminen und/oder Seminaren. Wobei die Qualifikation sehr unterschiedlich ist.

  

Die Betriebsstätten

ANANDA Köln – seit 20 Jahren in einer belebten Einkaufsstraße

Praxen für seriöse Tantra-Massage haben eine Struktur und Außenwirkung, die mit einer Wellness Massage Praxis vergleichbar ist. Oft werden neben Tantra-Massage auch andere Massagen, Beratungen und Coachings angeboten. Auch verschiedene Gerichte haben festgestellt, dass es sich NICHT um bordellartige Betriebe handelt.

(z.B. Urteilsbegründung des Stuttgarter Verwaltungsgerichts aus dem November 2013 bei Klage der Praxisinhaberin Monika Kochs gegen die Stadt Stuttgart:

„Das Gericht vermag nicht zu erkennen, dass es sich bei den bei der Klägerin tätigen Masseurinnen und Masseuren um Prostituierte im Sinne des Prostitutionsgesetzes handeln könnte“).

Welchen Nutzen soll es haben, wenn Tantramassage Praxen wie Bordelle behandelt werden, in reine Gewerbegebiete umsiedeln müssen und Schilder mit Hinweisen auf Kondompflicht aufhängen?

 

Nicht nur Puff und Porno – sondern sexuelle Kultur

Die Arbeit mit Sexualität kann so viel mehr sein als das, was üblicherweise in Bordellen stattfindet und in Pornographie zu sehen ist.

„Im alten Indien hingegen gab es effektiv eine spirituelle Sexualpraxis (…) diese berüchtigten tantrischen Verfahren, die auf extremer Verlangsamung, hoher Zurückhaltung und respektvoller Ritualisierung beruhen. Davon halte ich übrigens nach wie vor sehr viel. Im Licht von Experimenten neige ich zu der Behauptung, dass 90 % der Sexualität, die hier als solche aufgefasst wird, nichts anderes als eine öde Rammelei bedeutet (…) dass ist die reale Tragödie unserer Kultur.“

Der Philosoph Peter Sloterdijk (Quelle: Süddeutsche Zeitung 45/2014)

Deutschland ist inzwischen eine Hochburg der zertifizieren Tantra-Massage und anderer Bodywork Techniken, die eine Berührung des Intimbereichs mit einbeziehen. Hier entsteht ein neuer Beruf, der nicht nur besonders umfassende Entspannung und Wohlgefühl vermittelt sondern auch adäquate Antworten hat für Menschen, die körperlichen Missbrauch und sexuelle Traumata erlebt haben. Paare die sich Anregungen für ihre gemeinsame Sexualität wünschen, Frauen und Männer, die keinen Partner (mehr) haben und trotzdem ihre Körperlichkeit erfahren wollen (…)

 „Ja, bei der Tantra-Massage geht es eben nicht um reine Triebabfuhr, sondern um Körperwahrnehmung, Entschleunigung, Berührung. Man übt keine Macht aus, erniedrigt nicht. Es muss nicht auf dem schnellsten Weg zum Orgasmus kommen.“ Sagt Nora Bossong in einem Interview (Quelle: Die Welt, 13.02.2017). Ihr aktuelles Buch „Rotlicht“ beschreibt den gesamten Rotlichtbereich äußerst kritisch und ablehnend – außer die Tantra-Massage.

Noch im Februar 2017 wurde über „Sex auf Krankenschein“ nach niederländischem Vorbild diskutiert und es war die Rede von zertifizierten SexarbeiterInnen die dafür nötig wären.

 

Forderungen

Wir wünschen uns eine zeitgemäße und differenzierte Betrachtung der Personen, die die Arbeit mit Sexualität zu ihrem Beruf gemacht haben. Zum Schutz derjenigen, die diese Arbeit unter Zwang ausführen müssen gibt es bereits hinreichend viele andere Gesetze.

Alle die frei und selbstbestimmt arbeiten tragen bei zu einer neuen sexuellen Kultur – und die braucht unsere Gesellschaft heute mehr denn je, als gesundes Gegengewicht zu #metoo und youporn. Wenn schon ein neues Gesetz, dann ein „Sexualpraktikergesetz“.

Wir fordern

  • Zertifizierung statt Registrierung
  • Zertifizierte Tantra-Massage bzw. ganzheitliche Massage als eigenes Berufsfeld
  • Praxen mit zertifizierten Anbietern sind baurechtlich gleichgestellt mit Praxen für Physiotherapie.

 

Ausblick / Vision

Tantra-Massage, Sexological Bodywork,
Internationales Netzwerk: 270 Adressen für zertifizierte Tantra-Massage, Sexological Bodywork oder Sexualberatung (Stand Oktober 2018)

Zertifizierte Anbieter von Tantra-Massagen brauchen kein Prostituiertenschutzgesetz sondern z. B. ein „Sexualpraktikergesetz“, das ähnlich wie das Heilpraktikergesetz funktioniert und die ganze Bandbreite der Tätigkeiten abbildet. Dies könnte ein Weg zu einem grundsätzlich anderen Umgang mit Sexualität sein und gesunde, positive Impulse in diesem wichtigen menschlichen Lebensbereich setzen.

 

Die Ausarbeitung eines solchen Gesetzes sollte im Dialog mit den jeweiligen Berufsverbänden und Ausbildern geschehen zum Beispiel mit:

  • Tantramassage-Verband, TMV
  • European Association of Sexological Bodyworkers, EASB
  • Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter, ISSB

 

Links

 

Text: Martina Weiser

Das ProstSchG und die Folgen
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Martina Weiser

Jahrgang 1969, ist seit 1997 Inhaberin von Ananda in Köln, eine der größten Praxen für Tantra-Massage und Sexualcoaching in Deutschland. 2004 hat sie den Berufsverband für Tantramassage initiiert (www.Tantramassage-Verband.de) und ist seither im Vorstand aktiv. Seit Anfang 2017 betreibt sie die internationale Plattform für zertifizierte Anbieter von Tantra-Massage, Sexological Bodywork und Sexualberatung: www.trustedbodywork.com

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One thought on “Das ProstSchG und die Folgen

  • 23. November 2018 um 19:17
    Permalink

    Liebe Martina,

    danke für Deinen fundierten Beitrag.
    Die Praxis zeigt jetzt schon oftmals einen unterschiedlichen Umgang der Behörden mit qualifizierten Tantramasseur-innen und den anderen.
    Bin mir sicher, dass das Thema ProstSchG für uns nur ein vorübergehendes sein wird. Entweder bestätigen uns die Gerichte bald in unserem Anliegen oder es wird sich aus der gesellschaftlichen Entwicklung heraus die Tantramassage als etwas ganz Natürliches, undenkbar Prostitutionsnahes etablieren.

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