Eine Blüte für die Welt

Warum begibt sich ein Lebewesen ursächlich auf eine Suche? Manches mal vielleicht um das pure Weiterleben zu ermöglichen. Aufgrund veränderter Umweltbedingungen, um Nahrung zu finden, oder den Anschluss an Artgenossen. Ein anderes Mal eventuell um die gegenwärtigen Lebensumstände ein wenig zu verbessern. Worin dieses „besser” auch immer bestehen mag. Was den Menschen angeht darüber hinaus aber auch immer wieder um mögliche Antworten auf Fragen zu finden, die über die des Alltages hinaus gehen. Sinnfragen, oder Fragen deren Beantwortung nach heutigem Wissensstand nur im Bereich der Spekulation, des Glaubens, anzusiedeln ist. Oder dem individuellen, persönlichen Erleben. Aber was könnte man über besondere Erfahrungen mit Sicherheit sagen? Worin bestünde ihre Realität? Ungeachtet dessen möchte ich hierbei von einer spirituellen Suche sprechen, die von jeher Menschen in ihrem Tun inspiriert, geleitet, womöglich bereichert hat.

Ohne Zweifel kann das Tantra in all seinen Schattierungen als einer von vielen Wegen der spirituellen Weiterentwicklung, des persönlichen Wachsens, gesehen werden. Und in einem vorangegangenen Text habe ich versucht meine eigene Sicht des Tantra in eine begrenzte Anzahl von Wörtern zu fassen. Auch wenn Worte nie ausreichen werden die Welt umfassend zu beschreiben, zu begreifen. So ist Sprache doch als Bote, Vermittler von Ideen oder Abstraktionen eine bedeutsame Errungenschaft der Menschheit. Seinen Ursprüngen nach war Tantra vermutlich eine Geheimlehre, die einer Initiation bedurfte, und der Weitergabe von Texten, Praktiken und Ritualen durch Lehrer, die den ansteigenden Pfad schon etwas weiter beschritten hatten, den Gipfel vielleicht sogar erreicht, und bereit waren aus größeren Höhen wieder hinab zu steigen, um anderen beim Aufstieg beizustehen. Wobei immer zu bedenken ist, dass der Pfad von anderen nicht notwendigerweise den eigenen Weg weisen muss. Und die letzte Kluft nicht absichtsvoll überbrückt werden kann. Absicht eher hinderlich ist. Wie bei einem Berg, dessen Gipfel im Nebel liegt, und man die Schritte zwar so wählen kann, dass sie gefühlt bergauf führen. Um den Gipfel in Gänze zu erblicken es aber einer glücklichen Fügung des Schicksals bedarf, die den Nebel lichtet. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass das Tantra eher ein Nischendasein führte, auch weil es mit seiner natürlichen Akzeptanz und Integration des Körperlichen den eher asketischen, den Körper überwinden wollenden, Vorstellungen anderer spiritueller Strömungen oder Religionen als Widersacher erschienen sein muss. Wie aber ließe sich alles als Eins erkennen, wenn etwas ausgespart bleiben soll?

Mir kommt auch das Bild einer schönen, seltenen Blume in den Sinn, die an einem abgelegenen, verborgenen Ort aufgeblüht ist. Warum nur ausgewählte Menschen zur Blüte führen? Wo doch das Leben vieler durch ihre Schönheit Bereicherung erfahren könnte. Wenn die Bereitschaft, der Wunsch, besteht sich auf neuartige Eindrücke einzulassen. Könnte doch ein jeder weitere Betrachter die Blume aus einem anderen Licht sehen. Ihr neue Aspekte, möglicherweise unterschiedliche Facetten abgewinnen. Die unser Dasein noch wundervoller erscheinen lassen. Die Tochter von befreundeten und sehr geschätzten Tantra-Lehrern erzählte mir einmal, wenn sie in der Schule gefragt werde, was ihre Eltern beruflich machen, sage sie: „Sie machen Menschen glücklich.” Welch eine einfache, schöne und gleichzeitig tiefsinnige Antwort. So empfinde auch ich es: Tantra hat das Vermögen Menschen glücklicher zu machen. Doch worin mag dieses Glück bestehen?

Von jeher haben Denker aller Richtungen versucht der Frage nachzuspüren was das subjektive Glücksempfinden von Menschen positiv beeinflussen kann. In moderneren Zeiten neben der Philosophie auch weitere Wissenschaften wie Soziologie, Psychologie, oder die aktuelle Hirnforschung. Und eine handvoll Faktoren taucht in diesen Untersuchungen immer wieder auf. Der wohl meistgenannte Aspekt sind soziale Kontakte, Freundschaften, Beziehungen. Bereichernde, nährende Verbindung zu denkenden, fühlenden Wesen. Der nächste Aspekt entspricht gänzlich der zweiten Noblen Wahrheit des Buddha: Menschen die in der Lage sind Wünsche zu formulieren, ohne an festen Erwartungen anzuhaften, beschreiben sich selbst als glücklicher. Ein häufig genannter weiterer Punkt ist, dass auch Geben zur empfundenen Zufriedenheit beiträgt. Insofern hat der bekannte Spruch „Geben ist seeliger denn Nehmen“ durchaus seine Berechtigung. Wobei mir persönlich ein Gleichgewicht, in dem Geben und Empfangen in der Balance sind, als das erstrebenswerteste Ideal erscheint. Und auch die Fähigkeit die Einzigartigkeit im Selbst, aber auch im Anderen, zu erkennen, trägt Studien zufolge zum Glücklichsein bei. Sozusagen das Göttliche in jedem Wesen erblicken. All die gerade aufgeführten Aspekte werden durch den tantrischen Weg in behutsamer Weise umgesetzt. Der liebevolle Kontakt zu sich selbst und anderen in achtsamer, kontemplativer, meditativer Begegnung und Berührung. Bei der ein absichtsloses Gleichgewicht im Geben und Nehmen angestrebt wird. Und die Verehrung des göttlichen im Anderen, aber auch in sich Selbst. Wobei das Göttliche weniger im religiösen Sinne zu verstehen ist, als mehr im spirituellen. Als Teile, die in der Verbindung das Ganze erkennen und realisieren können.

Das im vorangegangenen skizzierte Vermögen des Tantra Menschen größere Zufriedenheit zu schenken, vielleicht sogar Glücksempfindungen, bringt mich zu dem Schluss, dass es Wert ist das Tantra aus seiner Nische herauszuführen, die Blume der Welt zugänglich zu machen, und die Freude daran weiter und weiter zu teilen, zu verbreiten. Auf das die Liebe wachse.

Text: Matthias Jamin

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Matthias Jamin

Matthias Jamin ist Jahrgang 1962, promovierter Physiker, und arbeitete hauptsächlich in der wissenschaftlichen Forschung zu Grundlagen der Materie, fundamentalen Wechselwirkungen und Elementarteilchenphysik. Sein spiritueller Weg führte seit Mitte der 1990er Jahre über Meditation in Zen und Vipassana Tradition 2015 zum Tantra, mit dem er sich neben der Physik seitdem intensiver beschäftigt. Darüber hinaus verbringt er mit Begeisterung einen Teil seiner Freizeit in den faszinierenden Weiten der Unterwasserwelt.

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