Rechtshändiger und linkshändiger Tantrismus

Seit dem das Altindische Tantra in den siebziger Jahren in den Westen kam, haben sich zwei Richtungen entwickelt: der rechtshändige und der linkshändige Tantrismus.

Vor den siebziger Jahren gab es in Europa keine Tantra Workshops – weder rechtshändiger noch linkshändiger Art. Die Altindische Tantra Tradition stellt eine Kultivierung der Sexualität auf dem Wege zur spirituellen Erleuchtung dar. Nach den ersten Tantra Workshops  in Berlin 1978 verbreitete sich die sexuelle Tantra Lehre nach und nach in Westeuropa.

Das waren allesamt Tantra Seminare mit Sexualität in Anlehnung an die von Bhagwan in Poona initiierten Workshops mit Tantra Mitte der Siebzigerjahre. In den USA hatte sich wenige Jahre danach eine New Age Tantra Tradition ebenfalls sexueller Art entwickelt.

Da sich diese Form der Sexualseminare spontan einer großen Beliebtheit erfreuten – im Zuge der sexuellen Revolution und einer neuen Freizügigkeit im Verlaufe der Antibabypille – entwickelte sich in der Westdeutschen, religiös spirituellen Szene eine unkörperliche Form des Tantra. Sie bezog sich auf Indische Traditionen der dort ebenfalls körperfeindlichen Hinduistischen Religion und entwickelte sich zu „Neo-Tantra“, einer rechtshändigen – also unsexuellen Form. Diese sogenannten Weißtantriker fanden rasch die Nähe zu der theosophischen Geistesrichtung Blavatskys, wo die Körperlichkeit schon in den zwanziger Jahren als Hinderung zur Erleuchtung postuliert wurde.

So entstand in der Zeit nach dem Aufkommen von HIV eine neue Richtung „Tantra“ – ohne Sexualität und zunehmend beeinflusst von Indianischem Schamanismus als eine neue Erleuchtungslehre ohne die Beschwernis der körperlichen Sexualität und Bedrohung durch Ansteckung. Dabei fand die amerikanische Prüderie in diesem Neuamerikanischen Schamanismus ein willkommenes Zuhause. In dieser Richtung ließ sich auch Apartheid, Körperfeindlichkeit und religiöse Moral problemlos unterbringen.

Weiß oder rot?

Wir unterscheiden also die beiden Richtungen: das traditionelle Indische sexuelle Tantra mit Vereinigung und klassischen amoralischen Regeln (rotes Tantra) neben einem vom Sex gereinigten weißen Tantra.

In dem zunehmenden Angebot alternativer Heilmethoden und Lebensweisheiten stellt das Etikett „Tantra“ eine willkommene Verkaufsstrategie unterschiedlichster spiritueller Heilswege dar, da es sich wegen der Assoziation zur Sexualität auf dem Markt gut platzieren lässt.

Daher ist es auch in den Seminarbeschreibungen nicht leicht zu erkennen, ob es sich um eine unsexuelle oder sexuelle Richtung handelt, da auch bei den Weißtantrikern von Gefühlen, Empfindungen und Beziehungsstrukturen die Rede ist und ganz viel von Liebe.

Das klassische Tantra ist sexuell polygam und ohne präservativen Schutz mit Vermischung der körperlichen Säfte, ohne gesellschaftlich religiöse Moralansichten und ohne Ansehen der Person, des Vermögens, der Herkunft, der Rasse und des Alters und steht jedem offen. Es gibt keine Einschränkungen für die Art und Weise der sexuellen Interaktion, ebenso wie keine persönlichen Beziehungen berücksichtigt werden oder entstehen sollen.

Du steigst wodurch du fällst

Eine der üblichen Methoden der Vermeidung von Sexualität ist der von den Veranstaltern solcher Seminare erbrachte Hinweis, dass sexuelle Vereinigungen erst später, also nach Absolvieren einführender Seminare stattfinden könne und dann auch nur für Paare, wobei niemand den Trauschein zu sehen verlangt, in jedem Fall aber Beziehungstreue gewahrt werden kann. Auch behelfen sich manche Veranstalter mit dem Kunstgriff, dass sexwillige Teilnehmer nachts im Hotel natürlich machen können was sie wollen – also auch rituelle esoterische Teile des Tantra nun praktisch exoterisch zu vollziehen.

All das ist Schönfärberei. Das Tantra definiert explizit: „Du steigst wodurch du fällst„.

Die Hürden der Sexualität sind praktisch zu meistern. Wer sie trickreich ausklammert, der fällt eben ins Gewöhnliche zurück. Damit diese Pflichtübung der vollzogenen lustvollen Sexualität auch tatsächlich nach den Regeln gemacht wird bestimmt das klassische Tantra, dass es kein Ritual ohne Anwesenheit eines Meisters Lehrers oder Aufsicht geben kann, also durch die Öffentlichkeit kontrolliert ist.

Text: Andro

Webseite: https://diamond-lotus.de/    

Rechtshändiger und linkshändiger Tantrismus

Andro

Andro ist der wohl bekannteste Tantrameister Deutschlands. Er studierte byzantinische Massageformen im Norden der Türkei. Seine weitere Ausbildung absolvierte er am Medical Center des Dalai Lama und studierte Yoga in Poona. Er ist ordinierter Zen-Mönch und Meister des Bogenzen. Andro entwickelte eine eigenständige Form des Tantra, entwickelte die sowohl energetische, wie auch sinnliche Yin-Yang-Massage, die Erotische-Tantra-Massage und das Tantra-Yoga.

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One thought on “Rechtshändiger und linkshändiger Tantrismus

  • 27. November 2019 um 16:53
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    Lieber Andro,
    danke für diesen Text.
    All diese Unterscheidungen in weiß, rot und auch noch schwarzes Tantra gibt es, in links- und rechtshändig, macht Neo – Tantra zunächst zu dem, was zumeist in einer Entwicklung zu beobachten ist. Menschengemachte Abgrenzung, wobei jeder davon behauptet, dass dies der richtige und bessere Weg sei.
    Was bleibt außen vor? Das Wesentliche! Ein Weg zu Spiritualität, zu Selbsterkenntnis, zur Befreiung von irdischen Zwängen, zu Achtsamkeit und inneren Frieden. Ein friedlicher Geist hat es schwer mit diesen Strömungen zurecht zu kommen. Oder gerade nicht?
    Letztlich ist es wohl mit Tantra wie mit allem im Leben. Finde genau DEINEN Weg! Oder?
    Petra

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