Tantra und Sadomasochismus (SM) – Unmöglich oder bereichernd?

Lassen sich das Spiel um Dominanz (Beherrschung) und Submission (Unterwerfung) mit Absichtslosigkeit, Präsenz und Anbindung an etwas Größeres vereinbaren?

„Dann gehe ich und fühle mich eins mit der mich umgebenden Welt. … fühle mich zufrieden, wahrhaftig, mental erfüllt, lebendig. Ich habe mich gefunden, meinen Körper, meine Seele, ein Stück pures Leben! Ein wunderbarer Tag geht zu Ende. Mein bisheriges Leben voller Aufgaben und Stress scheint eine halbe Ewigkeit hinter mir zu liegen.“

Welche Erlebnisse werden mit diesem Zitat beschrieben? Was meinen Sie?

Die Abkürzung SM steht für „Sadism, Masochism“ nach Marquis de Sade (1740 – 1814) und Leopold von Sacher-Masoch (1836 – 1895), die als Namensgeber fungieren. SM deckt ein schier unendlich scheinendes Spektrum verschiedenster spezieller Sexualpraktiken ab.  In der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) wird Sadomasochismus unter F 65.5 als „Störung der Sexualpräferenz“ gelistet. Damit könnte an dieser Stelle als Antwort auf obige Frage bereits ein „unmöglich“ stehen!

Doch damit mache ich es mir zu einfach! Schließlich begann mein tantrischer Weg mit dem Eintauchen in jene bizarre SM-Szene! So geht es mir in diesem Artikel in erster Linie um die Reflexion meiner ganz persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen, um jenes „bereichernd“. Das obige Zitat entstammt nämlich meinem Buch, welches absolut authentisch von meinen ersten Schritten hin zum tantrischen Weg berichtet. Weil ich mich damals meines Tuns schämte, schrieb ich unter Pseudonym. Doch dieses beschämende Tun half mir, ein Gefühl für meinen Körper zurück zu erlangen, tiefsitzende Ängste vorübergehend zu überwinden und Selbstbewusstsein aufzubauen. Aus heutiger Sicht würde ich diesen Aufbruch ins Ungewisse, den mir mein Körper und nicht mein Verstand vorgab, mit dem Niederreißen von Mauern und Dornenhecken bildlich beschreiben.

Ein Hieb ist ein Hieb und schmerzt! Doch dieser Schmerz ließ mich meinen Körper spüren! Handfesseln und Seile dienen der Einschränkung persönlicher Freiheit. Mir gab diese Einschränkung ein Gefühl für Geborgenheit. Eine Ohrfeige ist eine Demütigung. Ich empfand es als Input für Kampfgeist und Lebensmut. Konnten mir diese freiwillig gelebten SM-Spiele ein verloren gegangenes Gefühl für meinen Körper und eine Ahnung von Achtsamkeit geben? Ich hungerte damals nach Berührungen jeglicher Art. Meine Gefühle fuhren Achterbahn und ich „demütigte“ mich für jedes Mehr.

„Jede spirituelle Praxis hat die Befreiung aus der Knechtschaft des Verstandes zum Ziel. Ein Tantra-Ritual ist eine Reise nach innen, eine Huldigung von Körper und Seele. Immer sollte Bewusstheit, körperliche Präsenz, Absichtslosigkeit im Geben, Einsatz von Stimme und Atem, ein offener Austausch, gegenseitiger Dank, die Verbindung von Herz und Sex, ein besonderer Rahmen und die Anbindung an etwas Größeres ein solches Ritual begleiten.“

(Auszug aus: „Die Ganzkörpermassage“ von Befree-Tantrainstitut)

Einiges davon haben mir meine SM-Spiele gegeben! Sie waren eine Reise nach innen, begleitet von körperlicher Präsenz und eine Befreiung von der Knechtschaft des Verstandes sowieso! Doch es waren keine Huldigungen von Körper und Seele! Absichtslosigkeit im Geben? Schwer vorstellbar! Nur sehr selten fand ein wirklich offener Austausch statt. Dank wurde allemal einseitig von mir erwartet.

Eine Verbindung von Herz und Sex, gar die Anbindung an etwas Größeres, waren komplett ausgelassen. Schließlich kam es so, wie es aus heutiger Sicht nicht anders kommen konnte. Ich stürzte emotional in bodenlose Tiefen. Ich hatte mich für kurze Zeit gefunden und mehr als zuvor verloren, fühlte mich verletzt, hilflos und ohne jeden Plan.

Warum musste es so dick kommen? Anonyme Kontaktportale, unüberschaubar viele SM-Partys, SM-Onlineshops mit Massen bizarrer Spielzeuge, Möbel, Fetische und Bekleidung, SM-Stammtische und sogar Messen und Zeitschriften gibt es in dieser Szene. Daran herrscht kein Mangel. Ich kontaktierte fleißig, kaufte mir Spielzeug und besuchte auch einige Partys. Ich lernte Leute mit ähnlichen Neigungen kennen, probierte mich sogar auf der dominanten Seite aus, bekam ehrliche Komplimente dafür und glaubte mich endlich körperlich und mental erfüllt und unter Gleichgesinnten.

Doch schneller als mir lieb war kamen meine alten „Freunde“, die Verlustängste und Enttäuschungen zurück. Dazu noch jene unguten Gefühle heimlichen Tuns, denn diese SM-Welt existiert als Parallelwelt im Schatten des normalen Lebens. Ich suchte nach einem würdigen und respektvollen Umgang mit mir, meinem Körper und mit den Spielpartnern. Ich fand quasi fast nichts davon, betäubte stattdessen seelischen Schmerz mit schier grenzwertigem körperlichen Schmerz, schrie meine Seelenqualen hinaus und fand doch nur für kurze Zeit Erleichterung in diesem bizarren Tun.

Erst als ich den Schritt zu Tantra-Massagen und Seminaren wagte, verlangte mein Körper immer seltener nach schmerzhafter Betäubung. Hier fand ich die solange vermissten Berührungen und Zuwendungen, die ich wirklich suchte. Doch eine echte Verbindung von Herz und Sex und die Sehnsucht nach seelenverwandtem Austausch blieben unerfüllt. Auch nach einer körperlich noch so erfüllenden Massage machte sich bald ein Gefühl seelischer Leere breit. Meine Einsamkeit wurde mir überdeutlich bewusst, alte Verlustängste erwachten zu neuem Leben. Ich war wieder verzweifelt und suchte erneut Betäubung im körperlichen Schmerz mit immer anderen Spielpartnern und immer gleichen Enttäuschungen.

Schließlich fand ich zu den Seminaren des Befree-Tantra®-Instituts von Regina Heckert. Das erste Seminar besuchte ich noch mit viel Skepsis. Es blieb nicht bei diesem einmaligen Besuch. Perfekt angeleitet ging ich in tiefgehenden Mutter- und Vaterritualen den wirklichen Ursachen meiner Ängste auf den Grund. Dazu kam der Spaß am Tun ohne Reue. Ich habe für dieses Intensivtraining den Begriff „mein allumfassendes Tantra“ geprägt! Ich übte Verzeihen und Dankbarkeit als Grundpfeiler inneren Friedens. Wenn keine Energie in Enttäuschung, Wut und Hass fließt, dann bleibt Raum für Verständnis und für Liebe geben und annehmen können. Dies alles wirkte sich schon bald auf meine Ehe positiv aus. Ich konnte mit meinem Partner darüber sprechen und sogar einiges davon ausprobieren. Im Geheimen ausgelebte sadomasochistische Neigungen hingegen schadeten der Partnerschaft, waren Ursprung für Unverständnis und Misstrauen.

Schließen sich demnach Tantra und sadomasochistisches Tun gegenseitig aus?

Fakt ist: Tantra benötigt keinen Sadomasochismus und dieser hat im Tantra keine Basis!

Aber dennoch bin ich über diese dunkle Seite der „Störung der Sexualpräferenz“ zum Tantra gekommen! Gerade deshalb meine ich, dass bestimmte SM-Elemente auch ein Tantra-Ritual bereichern können. Ich kann mir den Einsatz von Seilen, Ketten, Augenbinde, Leder, Peitsche und sogar Stock jedenfalls sehr gut vorstellen. Warum? Alles kann so, demütigend und schmerzhaft, aber auch anders, achtsam und berührend, angewendet werden.

Viele Menschen tragen SM-Fantasien mit sich herum. Sie schämen sich dafür, unterdrücken diese Neigung oder leben sie geheim aus. Zu oft ist es eine Sackgasse aus Schmerz, Demütigung und Verzweiflung. Wer wirklich nach den Ursachen sucht und wachsen will, für den könnte die achtsame Einbindung von SM-Elementen in ein Tantra-Ritual sogar ein Türöffner sein! Diese Vorstellung, ja dieser konkrete Gedanke erzeugt bei mir ein erotisches Kribbeln. Eine Vision von erfüllendem Sadomasochismus ohne Abstürze ins Bodenlose? Stattdessen die Huldigung von Körper und Seele und die Anbindung an etwas Größeres!

Tantra und SM? Ist dies möglich? Es könnte bereichernd sein!

Text: Petra L. alias Ellinor Ehrhardt (Pseudonym)

Website: http://e.ehrhardt.pageonpage.com/

Anmerkung:

Das Zitat am Textanfang stammt aus meinem Buch „mySpanking – Verrückte Wechseljahre“. In diesem Buch werden neben der authentischen Schilderung auch SM-Fantasien beschrieben und Aspekte sadomasochistischer Neigungen reflektiert.

Bisher sind von Ellinor Ehrhardt im Novum-Verlag erschienen:

12.01.2016 „mySpanking – Verrückte Wechseljahre“, ISBN: 978-3-99048-420-3

26.06.2019 „Der Meisterlehrling“ in #5 novum, ISBN: 978-3-99064-718-9

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2 thoughts on “Tantra und Sadomasochismus (SM) – Unmöglich oder bereichernd?

  • 16. September 2019 um 16:36
    Permalink

    Liebe Petra,
    ich habe gerne Deinen Artikel gelesen und Deinen Weg darin mitverfolgt, der Dich zu BeFree Tantra geführt hat. Danke für Deine Offenheit. Ich selbst kenne mich mit SM gar nicht aus und habe deshalb auch nichts dazu geschrieben. Ich habe Etliches darüber gelesen, aber nie Resonanz in mir gespürt. Dennoch habe ich harmlose Fesselspielchen etc. ausprobiert, aber auch das war eher experimentell und führte dazu, das eh uninteressante Thema in mir abzuhaken.
    In meinen Seminaren begegnen mir natürlich immer wieder Menschen mit SM Erfahrungen und auch diesbezüglich quälender Vergangenheit, ähnlich wie es in Deinem Artikel angeklungen ist. Bei einigen hat die Aufstellungsarbeit aufgezeigt, wie auch in diesem Bereich Dynamiken aus dem Familiensystem spätere Neigungen erzeugen – sozusagen als ein Lösungsversuch der Familienseele, der aber ohne das Hintergrundwissen scheitern muss. Ich erinnere mich an eine Frau, die in Portalen SM Liebhaber gefunden hat, sich von einer Freundin zuhause hat fesseln lassen. Die Haustür blieb offen und zugänglich und so erwartete sie in höchster Lust gepaart mit Angst und Schrecken das Ungewisse. Wieder und wieder. Schließlich offenbarte sie sich mir. In der Aufstellung kam heraus, dass ein russischer Soldat ihre Oma vergewaltigt hatte, dabei erwischt und auf der Stelle erschossen wurden. Die doppelt traumatisierte Oma (Vergewaltigung und Todesangst) lebte in der Enkeltochter fort und reinszenierte immer wieder diese fatale Gefühlsmischung, bei der sich meine Klientin tatsächlich immer wieder in Gefahr brachte. Ähnliche Geschichten gab es noch einige in meiner Arbeit. Sowieso bin ich ja der Meinung, dass wir in unserem Handeln alle nicht so frei sind, wie wir meinen. Und entsprechend auch nicht in unseren Neigungen. Wird Licht ins Dunkel gebracht, wie zum Beispiel durch die Aufstellungsarbeit, so kann zumindest der zwanghafte und als ungut erlebte Wiederholungszwang aufgelöst oder abgemildert werden.
    Liebe Grüße
    Regina

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  • 18. September 2019 um 13:16
    Permalink

    Liebe Regina,

    vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar. Es lebt der 1. und 2. Weltkrieg mit allen seinen Schrecken in unserer Generation weiter fort, obwohl wir glücklicherweise in der längsten Friedenszeit in Europa leben dürfen.
    Erich Fromm schreibt in „Die Furcht vor der Freiheit“ sehr ausführlich über den sadomasochistischen Charakter und die sadomasochistische Perversion, warum beide Seiten immer in einer Person zusammen vorhanden sind und auch, dass dieser Weg nicht zur Freiheit sondern in eine Sackgasse führt.

    Dieses Phänomen habe ich auch bei mir sehr deutlich bemerkt und beobachte es mit diesem Wissen nun quasi ständig bei anderen Menschen und auch wie sehr unser normales Leben durch Dominanz und Unterwerfung an wen und was auch immer geprägt sind. Sehr prägnant ist dabei das Geld, was ja im vorhergehenden Thema „Was darf Tantra kosten“ besprochen wurde.

    Ich bin sehr froh, dass sich mir ein Weg aus diesem Dilemma eröffnet hat und damit Möglichkeiten in selbst bestimmte Freiheit auftun.

    Beste Grüße Petra 

    Antworten

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