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Unterhaltung mit einer professionellen Domina

Um zu diesem Thema nicht nur meine Meinung kund zu tun, sondern auch den Standpunkt des SM zu Wort kommen zu lassen, führte ich über mehrere Wochen ein Email-Gespräch mit einer Freundin, die sich damit auskennt. Hier das Ergebnis:

Johannes Ganesh:

Hallo Lin,

wir kennen uns schon viele Jahre, arbeiteten zusammen am Theater und praktizierten Tantra miteinander. Nach Deiner künstlerischen Karriere hast Du 12 Jahre als Domina gearbeitet, eine Familie gegründet und ein naturwissenschaftliches Studium absolviert. Vor einigen Jahren hast Du mir einmal gesagt, dass die tantrische Praxis Dir beim Umgang mit der Energie während Deiner Arbeit als Domina geholfen hätte. Könntest Du das näher beschreiben?

Lin:

Als professionelle Domina bin ich innerhalb klarer Grenzen auf die individuellen Bedürfnisse meiner Gäste eingegangen, insofern ist der Begriff ‚dominant‘ irreführend. Meine Hingabe galt deren tiefer Sehnsucht, mit ihren Neigungen und Geheimnissen angenommen zu werden. Ich habe sie durch dunkle Gefilde ihrer emotionalen Landschaft geführt und danach aufgefangen. Die Sexualität funktioniert bei solchen Reisen als Transformationsmedium. Die tantrische Erfahrung hat mir dabei geholfen, so mit den emotionalen und sexuellen Energien der Gäste umzugehen,  dass sie nicht an mir hängen blieben.

Johannes Ganesh:

Ja, das ist plausibel. Ich habe selbst nur sehr oberflächliche Erfahrungen mit SM. Doch ich stelle mir bzgl. einer Synthese zwischen Tantra und SM, wie sie heutzutage von manchen Seiten propagiert wird, einige Fragen. Eine betrifft die Polarisierung von Shiva und Shakti als göttliches Paar. Trotz der sehr unterschiedlichen Positionen von Mann und Frau im tantrischen Setting begegnen sich beide immer auf Augenhöhe. Die Rollenverteilung von “devot” und “dominant” im SM impliziert jedoch – trotz des prinzipiellen Einverständnisses der Beteiligten – eine Hierarchie. Diese wird im Tantra nicht angestrebt. Wie ist hierzu Deine Haltung?

Lin:

Neben dem Machtgefälle beim BDSM, welches auch gerne so kippt, dass der devote Part den dominanten unterbewusst steuert, sehe ich einen noch wesentlicheren Unterschied: Eine echte SM-Neigung sucht man sich nicht aus, sie entsteht durch eine Prägung. Tantra zu praktizieren beruht auf einer freien Entscheidung.

Johannes Ganesh:

Das ist ein weiterer Punkt, den ich auch angesprochen hätte: Die Freiwilligkeit. Du sprichst hier von emotionalen Prägungen, die durch Traumata entstanden sind. Es gibt im Tantra leider Strömungen, die sich unfreiwilliger Akteure bedienen (ähnlich wie in der schwarzen Magie). Ich spreche vom schwarzen Tantra (im Gegensatz zum roten und weissen Tantra). Obwohl ich diese Pervertierung der tantrischen Methoden nicht mit Sado-Masochismus in einen Topf werfen will, frage ich mich dennoch ob es da Parallelen gibt. Stelle Dir vor, man würde ein BDSM-Setting rituell zum Kanalisieren von Energie benutzen. Gäbe es dann Parallelen zum schwarzen Tantra?

Lin:

Prägungen müssen nicht notwendigerweise Traumata als Ursache haben, es kann z. B. auch ein sehr harmloser Fetisch durch positive Erlebnisse entstehen. In der BDSM Szene ist allgemein der Grundsatz ’safe, sane and consensual‘ Gesetz. Schwarzes Tantra würde dem strikt widersprechen. Jenseits von diesem Grundsatz sind BDSM-Praktiken mindestens so gut geeignet wie konventioneller sexueller Missbrauch, schwarze Magie auszuüben. Es kommt dabei auf die Intensität und Menge von freigesetzten Emotionen, wie Angst, seelischer Schmerz und Machtlosigkeit an. Mancher würde z. B. ein aufgezwungenes Spanking besser wegstecken als eine Vergewaltigung.

Johannes Ganesh:

Es gibt eine Sache, die ich von devoten Frauen immer wieder höre. Ich hoffe, Du kannst dies beantworten, obwohl Du ja in der dominanten Rolle agiert hast. Gerade eben wieder habe ich mit einer Freundin gesprochen, die sagte, sie könne sich erst richtig hingeben, wenn sie die Kontrolle abgegeben habe. Im Tantra ist der Grad der Hingabe essentiell. Die Frau wird zu Shakti und so zur reinen Energie, der Mann zu Shiva, wobei er das Bewusstsein verkörpert. Doch diese Hingabe impliziert zu jedem Zeitpunkt absolute Kontrolle über sich selbst. Tantrisch gesehen gibt nur die Person ihre Kontrolle auf, die ansonsten nicht wirklich zu Hingabe fähig ist. Ist nach Deiner Meinung die Hingabe im SM mit der im Tantra vergleichbar oder sind das zwei völlig verschiedene Dinge?

Lin:

Mit ausgesuchten Liebhabern habe ich auch Erfahrung als passive Partnerin gesammelt. Hingabe ist für mich ganz klar abzugrenzen von Selbstaufgabe. Wenn ich mich hingebe, dann als Ganzes. Auch in diesem Zustand kann ich die Verantwortung für mich übernehmen, da mein Bewusstsein mit den Gefühlen und Energien, die ich fließen lasse, in Verbindung steht. Kontrolle komplett abzugeben ist für mich eine andere Sache. Den Unterschied kennenzulernen hat jedoch eine Weile gedauert, Meditation hat mir dabei geholfen.

Johannes Ganesh:

Zum Schluss habe ich noch die Frage, wie Du privat zu all dem stehst. Käme für Dich eine Verbindung von Tantra und BDSM in Frage?

Lin:

Hierzu möchte ich ein Zitat aus Hagakure („Der Weg des Samurai“) erwähnen:  „Es ist schlecht, wenn eine Sache zu zweien wird. Man sollte auf dem Weg des Samurai nicht nach etwas anderem suchen. Das gilt für alles, was man Weg nennt. Wenn jemand die Dinge auf diese Weise versteht, sollte er von allen (anderen) Wegen hören können und sich dadurch dem eigenen immer mehr zuwenden.“

Was ich damit meine: So sehr ich BDSM schätze, würde ich die beiden Themen getrennt halten. Für mich war es essentiell wichtig, meine toten Punkte zu überwinden, um meinen Prägungen, welche meinen BDSM-Neigungen zugrunde liegen, nicht mehr ausgeliefert zu sein. Sie sind immer noch da, ich kann sie nach Wunsch genießen oder sein lassen. Das ist meine Freiheit. Ich sehe bei einer Verknüpfung von BDSM und Tantra die Gefahr, Prägungen als Öffner für sexuelle Gefühle zu verstärken und andere potentielle Zugänge zu Intimität zuzubauen. Das ist etwas, was ich sogar im BDSM zu vermeiden versucht habe.

Johannes Ganesh:

Ich hatte, als ich Dich um dieses Email-Gespräch bat, eigentlich mehr Dissens erwartet. Doch ich gehe in allem mit Dir mit. Auch ich glaube, dass Sadomasochismus als Forschungsgebiet, um der eigenen Sexualität auf den Grund zu gehen, durchaus relevant sein kann. Als spiritueller Weg, der Tantra für mich ist, taugt BDSM jedoch meines Erachtens nicht … auch nicht in einer Mischform.

Ich danke Dir für Deine Mitarbeit an diesem Artikel. Ich denke, er beleuchtet das Thema gut vom traditionellen, tantrischen Weg als auch von der BDSM-Seite aus.

Text: Johannes Bönig (und Lin)

Webseite: www.tantrayoga.site

Unterhaltung mit einer professionellen Domina
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One thought on “Unterhaltung mit einer professionellen Domina

  • 19. September 2019 um 15:34
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    Tolles Interview, vielen Dank!!
    Ich selbst kann mir (hier und jetzt) absolut KEINE Kombination von Tantra und BDSM vorstellen. Ich habe lange gebraucht um meine Sexualität überhaupt zu finden und bin über meine Erfahrungen, die ich vor allem in den Bereichen von Tantra machen durfte äusserst dankbar. Es gab 15- 20 Jahre meines Lebens, in denen ich zwar Sex hatte, aber eigentlich nicht wirklich Zugang zu Sexualität. Es wurde oft eine Art funktionieren von mir abverlangt, in der ich mich gut zurechtgefunden habe. Es hat mich aber weder genährt, noch sonst irgendwie befriedigt. Und so kannte ich zwar meine sexuelle Lust, sobald ich jedoch mit jemandem geschlafen habe, der auf „funktionieren“ und körperliche Experimente aus war, bin ich innerlich weggegangen, was mir jegliche Schönheit und Intensität der Sexualität genommen hat – teils hab ich mich sogar benutzt gefühlt, weil es mir damals aufgrund meiner „Prägungen“ sehr schwer viel Grenzen zu setzen. Ich möchte diese „funktionierende“ Ebene keinesfalls mit BDSM gleichstellen, wovon ich übrigens Null Erfahrungen habe. Dennoch würde mich BDSM eher in meiner Hingabe (nicht in meiner Präsenz) einschränken. Vielleicht gibt es da auch einen Unterschied: Wie nehmen Frauen das wahr und wie nehmen Männer das wahr (Macht doch mal eine Umfrage!!!)? Mittlerweile genieße ich tantrische Sexualität über alles und bin unendlich dankbar für jede Begegnung. Dieses Frühjahr bin ich einem Mann begegnet, der keinerlei Erfahrung mit Tantra hat und gleichzeitig schon eine recht aggressive Art von Sexualität lebt („weil es sich eben so gehört und in Pornos ja auch so gezeigt wird“). Ich bin in dieser Begegnung radikal meiner tantrischen Gesinnung (also mir selbst natürlich) treu geblieben, hab sehen können wie ich mittlerweile meine Grenzen gut kommunizieren und auch jemanden in tantrische Energien mitnehmen kann. Für ihn fühlte sich diese Sexualität schräg an, da er bis dahin Sex vor allem zum „Abreagieren“ genutzt hat. Früher habe ich soetwas zugelassen – heute dank meiner Tantraerfahrungen nicht mehr… Eine absolute Bereicherung für mich!! Ausserdem sehe ich immer wieder sehr viele Paare, die in Ihrer Sexualität feststecken, die selbst Angst vor Tantra-Erfahrungen haben und für die BDSM noch weiter entfernt ist. Für solche Menschen könnte es in Zukunft durchaus noch abschreckender werden, wenn sie beide Richtungen miteinander kombiniert sehen. Ich fänd es schade, wenn sie kurz davor sind (und das dauert oft Jahre) ein Tantra-Seminar zu besuchen und dann wegen BDSM-Verbindungen doch wieder einen Rückzieher machen. Falls es in Zukunft Seminare dazu geben sollte, wäre mir sehr wichtig, dass es auch weiterhin reine Tantra-Seminare und -Begegnungen gibt, die BDSM grundsätzlich ausschließen… Auch wenn durch die Kombination evtl. eine größere Nachfrage durch einige Menschen stattfinden würde, so sehe ich doch die unendlich heilsame Art von Tantra etwas „beschmutzt“ und für sanfte Vertreter der Menscheit als zusätzliche Hürde oder gar verschlossene Tür.

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