Maithuna – Von romantischen Fantasien zu eigenverantwortlicher Sexualität

Als ich ein Teenager war, hatte ich diese unglaublich romantischen Vorstellungen von Liebe und Sexualität: die Frau, mit der ich mich körperlich vereinige, wird die Frau meines Lebens sein! Wenn wir uns vereinigen, schweben wir beide im siebten Himmel, die Engel werden singen und natürlich kommen wir beide gleichzeitig zum Orgasmus! Maithuna?

Das Leben war gnädig und hat mich nicht nur eines Besseren belehrt. Als sexueller „Spätzünder“ hatte ich meine erste körperliche Vereinigung mit 19 und von „Romantik“ gab es keine Spur. Wir beschlossen die Interaktion nach meiner nicht ganz nüchternen Rückkehr vom Oktoberfest. Das Ende war ein coitus interruptus, da kein Kondom zur Hand war und sie ihre fruchtbaren Tage hatte. Kein siebter Himmel, kein Engelschor und schon gar kein Orgasmus …

Meine Hoffnung war dennoch nicht geschwunden: heißt es doch in der Bibel „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (Genesis 1,27) . Also ist die sexuelle Vereinigung etwas Heiliges und wenn Mann und Frau sich vereinigen, werden sie zu Gottes Ebenbild – also gottgleich! Wenn das kein Ansporn ist? (Von „Maithuna“ wusste ich damals freilich noch nichts!) Die Praxis hat mich bis heute Mensch bleiben lassen …

Seit meiner Pubertät bin ich über 30 Jahre vergeblich diesen romantischen Vorstellungen hinterher gejagt. Habe ich mein Ziel zu hoch angesetzt? Oder vielleicht eine Richtung eingeschlagen, die deutlich weniger zielführend ist, als andere Wege? Die Beschäftigung mit dem tantrischen Gedankengut hat mir andere Wege aufgezeigt.

 

Sexualität ist die stärkste Lebenskraft

Die Tatsache zu akzeptieren, dass Sexualität die größte Energiequelle im Leben ist fällt nicht leicht angesichts gesellschaftlich geprägter Unterdrückung und Tabuisierung. Druck erzeugt Gegendruck. Und je mehr ich mich gegen etwas stemme, desto mehr werde ich die Resonanz zu spüren bekommen.

In meiner Jugend war die sexuelle Aufklärung noch sehr mager. Wenn mit der Pubertät das sexuelle Erwachen beginnt und niemand da ist, der mir liebevoll und einfühlsam etwas über die Funktionsweise meines Körpers zu berichten weiß, bin ich auf mich allein gestellt. Etwas drängt mich, es selbst herauszufinden, begleitet von Gefühlen der Angst und Scham.

Heute weiß ich, dass der offene Umgang mit sexuellen Themen heilsam ist und Klarheit in das Geflecht menschlicher Beziehungen bringt. Es ist, als würden ungeahnte Ressourcen freigelegt. Pure Lebensenergie, deren Nutzung frei verfügbar ist! Moralapostel würden jetzt wahrscheinlich ein neues „Sodom und Gomorrha“ befürchten … Doch im Gegenteil: jeder Mensch könnte in seiner ganz individuellen (Lebens-)Kraft stehen, wenn er die sexuelle Energie – wie in einem Maithuna-Ritual – frei fließen ließe.

Jeder Fluss braucht jedoch ein Flussbett …

 

Bewusstheit ist der Schlüssel

Befreite sexuelle Energie strömt in alle Richtungen. Die Befreiung dieser Energie birgt nur das Potential zu ihrer Nutzung. Doch wie kann ich sie mir zu Nutze machen? Mit Bewusstheit kann ich dem ungestümen Strom der Energien ein Flussbett geben. Mit Bewusstheit kann ich den Fokus der Energie lenken, kann dem Impuls eine Richtung geben.

Ich glaube, dass es der sexuellen Revolution der 60er Jahre an dieser Bewusstheit gemangelt hat. „Freie Liebe“ war der erste, nicht gelenkte Impuls, der die Bewegung schließlich im Sande verlaufen ließ. Ähnlich wie das Wasser eines Flusses, der über die Ufer tritt am Ende im Boden versickert, ohne sein Ziel – den Ozean zu erreichen.

Dasselbe gilt für die sexuelle Vereinigung. Mit Bewusstheit zelebriert, können die sexuellen Energien gelenkt und genutzt werden. Die rituelle Form im Tantra – Maithuna – bietet hierfür einen Rahmen. Das Maithuna-Ritual unterstützt die Bewusstheit, mit der ich eine sexuelle Vereinigung vollziehen und die dabei entstehenden Energien nutzen kann.

 

Ich bin für mich selbst verantwortlich

Oft begegne ich Menschen, die ihr Glück, ihren Erfolg, ihre Erfüllung und auch ihren Orgasmus von anderen Menschen abhängig machen. „Wenn der andere nur so und so wäre, dann könnte ich …“. Tatsache ist jedoch, dass ein jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Mithin auch für sein Glück, seinen Erfolg, seine Erfüllung und seinen Orgasmus. Denn die sexuelle Energie entsteht in mir selbst und nur ich allein kann sie mit meiner Bewusstheit lenken und nutzen.

Aussagen wie „Ja, aber die Umstände …“ oder „ich kann nur, wenn …“ schränken meine Freiheit ein und ich gebe Verantwortung ab. Sie erinnern an einen Passagier auf einem Boot ohne Steuermann, das von Wind und Wellen mal hierhin und mal dorthin getrieben wird. Selbstverantwortung heißt, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen. Und wenn ich es noch nicht kann, dann lerne ich es.

Vermutlich hat niemand, der Maithuna praktiziert beim ersten Mal alles „richtig“ gemacht. Wie andere Rituale auch, gibt Maithuna einen Rahmen, in dem Wachstum möglich ist. Und es gibt viele Impulse, die Eigenverantwortung zu üben und zu lernen, dass ich allein für mein Glück verantwortlich bin. Dabei ist es völlig unwichtig, mit wem ich das Ritual praktiziere. Ich kann es sogar allein üben.

 

Ich diene meinem Gegenüber

Wenn ich die Freude habe, ein Maithuna-Ritual mit Partner zu zelebrieren, dann ist neben der Bewusstheit und der Eigenverantwortung auch die innere Haltung von entscheidender Bedeutung. Da die Verantwortung für das Glück meines Gegenübers ganz bei ihm liegt, könnte ich fragen: „Was mache ich hier eigentlich? Es geht doch auch ohne mich …“. Ja, natürlich.

Doch hier kommt ein entscheidender Aspekt zum Tragen, der – wenn er auf alle zwischenmenschlichen Beziehungen dieser Welt angewendet würde – das Potential zum Weltfriedenstifter hat. Im Maithuna-Ritual diene ich gleichzeitig mir selbst und meinem Gegenüber. Das ist die eigentliche Heiligkeit der sexuellen Vereinigung. Meine sexuelle Energie zu entfachen und zu lenken und gleichzeitig meinem Gegenüber als Substitut für alle Menschen und die Welt zu dienen. Meine sexuelle Energie und mein  Wachstum dienen dem Ganzen!

 

Text: Klaus Gabriel Peill

Webseite: www.quinta-essentia.de

Maithuna – Von romantischen Fantasien
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Klaus Peill

Klaus Gabriel Peill, Jahrgang 1961, Tantra- und Reiki-Lehrer, Familiensteller und spiritueller Wegbegleiter. Als ausgebildeter Bankkaufmann, Elektroingenieur und Tonmeister war er 20 Jahre in der Vermarktung professioneller Audiotechnik tätig. Seit April 2010 selbständiger Gesundheitspraktiker (BfG) mit Schwerpunkt Persönlichkeitsbildung leitet er Seminare und gibt körperorientiertes Einzel- und Paarcoaching als Lebenshilfe und Begleitung in Lebenskrisen & Veränderungsprozessen.

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