Lassen sich Dominanz und Absichtslosigkeit miteinander vereinbaren?

Diese Frage hat mich lange beschäftigt.  Mein Weg führte mich über eine schamanische Grundausbildung und Familienaufstellungen zur Erkenntnisarbeit. Parallel entwickelte sich meine Sexualität weiter.

Erste Erfahrungen

Mir begegnete ein sensibler Mann von großer Ausstrahlung. Sein Wissen um Menschen und die Fragen des Lebens faszinierte mich. Sein Kuss war wie eine Dusche von Licht und Liebe und nach diesem Kuss, bei dem sich mir der Kern seines Wesens offenbarte, vertraute ich ihm bedingungslos.

Doch er war aktiver Dom. Wie passte das zusammen?

Nach vielen Gesprächen und immer wieder der Frage: „Warum tun Menschen das?“ bat ich ihn um ein Ausprobieren.  Ich hatte selten im Leben so viel Angst. Als er mir die Tür öffnete, lachte er und sagte: „Du schlotterst ja vor Angst! Komm erst mal rein und trink einen Tee!“

Der Anfang war harmlos. Einige Treffen später begann ich zu begreifen, dass es stolz macht, sich seiner Angst zu stellen und Schmerz nicht auszuweichen. Dass Schmerz nicht böse ist, nur ist. Dass Blockaden und Ablehnung und sich Sträuben ein Zeichen von Themen sind, die angesehen und bearbeitet werden können, wenn man wachsen und sich von Begrenzungen befreien will.

Es gab weitere Versuche mit anderen Personen in dem Bereich, sowohl in der Dominanz wie auch in der Submissivität, doch richtig wohl fühlte ich mich nie dabei. Eher bedrückt und überfordert.

Wenn Tantra dazukommt

Dann besuchte ich das erste Tantraseminar und erlebte ein wunderschönes Ritual zu dritt, das eigentlich nur aus Kuscheln bestand. Ich erlebte wie aus dreien etwas größeres Neues entstand. Wie Götter, die zusammen ein neues Universum erschaffen. Voller Licht und Liebe.

Etwas in mir sagte: Das habe ich mein Leben lang gesucht! Endlich gefunden und angekommen! Meine Seele jubilierte. So viel Leichtigkeit und Lebendigkeit hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr empfunden. Ich belegte so viele Seminare wie möglich. Mit meinen vielen Fragen löcherte ich begeistert meinen Tantralehrer. Lernte die Bedeutung von Achtsamkeit, Absichtslosigkeit, Präsenz und Hingabe sowie der Anbindung an das Größere. Den Unterschied zwischen Ritual und Sex.

Ich lernte, in mir selbst das Glück zu finden und mich selbst zu lieben. Ich verlor einen großen Teil meiner Bedürftigkeit. Ich profitierte von meinen Erfahrungen im BDSM , da ich dort bereits gelernt hatte wie wichtig es ist, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu kennen und zu kommunizieren. Lernte auch die Wirkung von Bewusstseinserweiterung durch Meditation und Atmung.

Mir wurde klar, dass mein Leben und wie ich Sex hatte, bereits weitgehend tantrisch gewesen war, bevor ich wusste was das ist.

Weitere Erkenntnisse kamen hinzu. Ich lernte, dass unsere Reaktionen Spiegelungen sind und unsere Partner Lehrer. Dass man anderen nicht weh tut, sondern stets sich selbst. Dass das Äußere eines Menschen weitgehend irrelevant ist und auch sein Geschlecht. Dass man alle Menschen lieben kann und ich legte die Scham weitgehend ab.

Über die Ablehnung zur Integration

Meine erste Reaktion nach der Begegnung mit Tantra war ein völliges Ablehnen von BDSM. Die Begegnung auf Augenhöhe, die heilsame Ehrung des Göttlichen im anderen, die Zartheit und Behutsamkeit des Tantra erschienen mir als das einzig Wahre.

Erniedrigung, Manipulation und Machtgefälle erschienen mir vollkommen widernatürlich und falsch, Schmerz und Gewalt als unnötig.

Dennoch begegneten mir parallel zu meiner Entwicklung beim Tantra immer wieder Menschen, die dieselben Erkenntnisse beim BDSM gewonnen hatten und mir sogar halfen meine beim Tantra gewonnenen Erkenntnisse zu erweitern und zu vertiefen.

Eine Frage, die mir immer wieder begegnet und die ich zu Anfang auch gestellt habe ist: „Warum soll ich jemand Schmerz zufügen, den ich liebe oder mit dem ich sexuell bin? Ich will ihm doch etwas Gutes tun.“

Hier sieht man gut, dass Schmerz aufgrund unserer Prägung und Kultur als etwas Schlechtes und zu Vermeidendes gesehen wird. Indem ich lernte diese Sichtweise zu ändern und Ablehnung und Blockade gegen körperlichen Schmerz aufgab und sogar lernte, kleine Dosen als lustvoll mit Wonne zu begrüßen, öffnete ich mich auch zu einem entspannterem Umgang mit seelischem Schmerz. Dadurch erlebe ich Menschen in Not als Lernende in Prozessen und kann ihnen in Liebe beistehen statt mit zu leiden. Und ich kann besser meine eigenen Lektionen annehmen.

Licht und Schatten – zwei Wege zum selben Ziel

Ich empfand Tantra lange Zeit als einen Weg über einen samtenen Teppich und BDSM als den Weg über spitze Steine. Natürlich kam nur der Teppich infrage oder?

Aus dem Bewusstsein im Tantra so viel Fülle gefunden zu haben, wandte ich mich entspannter wieder dem BDSM zu. Ohne die frühere Bedürftigkeit. Und ich erinnerte mich der frühen Erkenntnis: Was ich ablehne, will angeschaut, angenommen und gelernt werden.

Dann erkannte ich: Durch meine Konzentration auf Tantra hatte ich intensiv meine Lichtseite entwickelt und erforscht. Aber meine Entwicklung war einseitig. Denn da sind auch die Schatten. Angst. Schmerz. Blockaden. Traumatische Erfahrungen. Meine Fehler und Schwächen.

Ich erkannte, dass ich die „Schattenthemen“ besser durch BDSM verstehen und bearbeiten konnte und stellte mich dieser Herausforderung. Ich erlaubte mir alles sein zu können und gab wieder Grenzen auf. Und entdeckte nun endlich auch die Leichtigkeit im BDSM. .

Zwei Sätze meines ersten BDSM Mentors bleiben mir stets bewusst:

„Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“

„Tantra und BDSM sind zwei Wege zum selben Ziel.“

Dem stimme ich inzwischen vollständig zu.

Deshalb sind es für mich zwei Wege, die uns zum Lernen zur Verfügung stehen und die wir nutzen können je nachdem wie es uns hilft. Ich glaube beide können für sich alles lehren und heilen, was es braucht und nicht jeder wird beide Wege gehen.

Jeder geht seinen Weg und Fehler gibt es nicht. Nur Gelegenheiten zu lernen.

Text: Gina Katergara (Identität ist der Redaktion bekannt)

Webseite: https://www.joyclub.de/profile/3468391.gina_katergara.html

Licht und Schatten
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