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Glückliche Partnerschaft

Glück ist nicht planbar, nicht im herkömmlichen Sinne. Überhaupt irritieren mich diejenigen, die das Glück zwanghaft suchen. Oder die Erleuchtung. Und hart dafür arbeiten. Mit Askese, Substanzen oder Unterweisungen anderer. „Der glücklichste Mensch ist zufrieden mit seinem Los, egal was es ist“, heißt es bei Seneca. Stoiker wie er halten alle Gelüste und Triebe, alles Wollen und Fühlen auf Abstand. In The Happiness Dictionary steht, dass es so möglich sei, inmitten von Krisen und Gefahr den Gemütszustand der ataraxia zu wahren, einer heiteren Gelassenheit. 

Heitere Gelassenheit empfinde ich als tantrisch. Verzicht auf das Fühlen jedoch nicht. Glück entsteht durch das Bewusstsein für zwei nur auf den ersten Blick gegensätzliche Herangehensweisen: Das Einlassen und das Loslassen. Manchmal habe ich den Eindruck: Viele Menschen können beides nicht (richtig). Oder nur halbherzig. Weil… zu viel Gefühl, Aufwand, Größe. Dann lieber Neben- statt Miteinander, Aneinandervorbei statt Ineinanderrein. Das stärkste Versprechen konsolidierter Langzeitehen: Dass sich nichts ändern wird. Das Motto dann: Es ist und bleibt …schwierig. Und geschafft und müde ist man ja auch. Man tritt also lieber aus der Wirklichkeit aus, als sich selbst und sein Gegenüber mit Realitäten zu konfrontieren. 

Glück hat etwas mit Humor zu tun. Lachen lockert die Anspannung. Männer beispielsweise stehen oft unter Druck. Sie sind damit beschäftigt, Manns genug zu sein. Fragile Männlichkeit, übersteigerte Männlichkeit, beides ist nicht entspannt. Die braucht es aber für richtig guten Seelensex. Nur stereotyper Sex („hartes Stoßen“) funktioniert unter Anspannung. Viele Männer und Frauen kennen es leider nicht anders – außerhalb der tantrischen Kreise. 

Glück ist Definitionssache. Ich frage mich, wie weit meine Definition von Glück reicht. Sie ist ziemlich umfassend, merke ich. Ein glücklicher Mensch ist kein getriebener Mensch. Leistungsdenken ist definitiv kein Glücks-Booster. In vielen Ländern, die materiell ärmer sind, empfinden sich die Menschen als glücklicher als in reichen, wohlsituierten Staaten.   

Auch eine glückliche Partnerschaft verlangt Einlassen und Loslassen, Bindung und Freiheit. Sie gerät aus dem Gleichgewicht, wenn es das eine mehr als das andere gibt: Einerseits Verschmelzung ohne Wachstum und Eifersucht ohne Reflexion. Andererseits Offenheit ohne Fokussierung bzw. Beziehung ohne Tiefe. Meist haben beide so viel um die Ohren, dass sie keine Zeit und keine Energie füreinander finden. Wer ausschließlich berufstätig ist und Mutter oder Vater hat es schwer, auch noch Frau oder Mann, Gefährtin oder Gefährte der Liebe füreinander zu sein. Darauf muss man sich einlassen. Das muss man wollen. Nähe. 

Doch wie soll Nähe entstehen, wenn ich so viel Druck und To-Do habe, dass Intimität eher eine weitere Belastung für mich darstellt? Stress macht? Oder Ängste hervorruft? 

Prägungen, Muster und unsere Liebesbiographien haben vielleicht dazu geführt, dass wir das Loslassen überbetonen. Den Abstand. Auch den tantrischen Pfad betritt man besser alleine. Die Reise zu sich selbst verlangt, dass man sie nicht Hand in Hand antritt. In Frauen- und Männerkreisen höre ich immer wieder, wie schön es ohne das andere Geschlecht sei. Männer seien anstrengend. Frauen auch. Dann lieber Emanzipation von allem, Wachstum ohne Partner*in. Ich finde das wichtig. Auch in meinem Männerkreis leuchten die Augen, wenn wir uns gegenseitig in berührender Art und Weise begegnet sind und mit männlicher Energie aufgetankt haben. Doch gibt es auch diejenigen, die so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie nur noch nach Innen schauen. Sie drehen sich um sich selbst. Bleiben… in Sicherheit. Kommen schon allein mit sich zurecht.   

Das ist immer auch ein Sichselbstbeschneiden. Finde ich. Vollkommen subjektiv. Denn Liebe ist und bleibt ein Abenteuer. Das große Glück lässt sich finden, aber weh tut’s eben auch. Glück in der Partnerschaft bedeutet für mich: Immer wieder in den Kontakt gehen, auch selbstlos zu sein, präsent zu sein – gerade wenn es anstrengend ist oder schwer fällt. Wenn es gar nicht läuft. Einlassen heißt: Sich feste Paarzeiten nehmen, Auszeiten organisieren und zuhören, nachempfinden und mitfühlen können. Loslassen bedeutet: Geduldig sein, dem Gegenüber Zeit geben, für den eigenen Weg und Zeiten ohne mich. Bei denen ich nicht dabei bin. Sachen, die nur ihrs bzw. seins sind.   

In wirklich langjährigen Beziehungen von 25 und mehr Jahren weiß man: Gemeinsam Sachen als Paar zu machen ist unglaublich schön. Aber alleine (oder mit jmd. anderem) Sachen zu machen, ins Theater gehen, ein Seminar zu besuchen oder in Urlaub zu fahren, ist es auch! Auch im Sinne der Partnerschaft. Einlassen und Loslassen, für mich zwei Seiten ein- und derselben Medaille.   

Ich habe sehr viel losgelassen, was mein Leben eng gemacht hat. Stattdessen habe ich Freiräume geschaffen, neue Spielwiesen und Wachstumsfelder. Ich muss mich nicht mehr beweisen oder etwas schaffen, um mich zu mögen. Zu meinem Glück gehört die tantrische Einsicht, dass bestimmte Sachen gar nicht so wichtig sind und andere dafür umso mehr. Da bin ich echt vorangekommen. Man kann das Bewußtheit nennen, wenn es nicht so ein großes Wort wäre. Vielleicht ist das Glück sogar machbar, wenn man sich wirklich gut kennengelernt hat und gleichzeitig eine humorvolle Distanz einnehmen kann. Weil heitere Gelassenheit so souverän wie sexy ist. 

Text: Till Ferneburg

Webseite: www.tillferneburg.kleio.com

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