Gibt es eine tantrische Verantwortung?

Der Dialog zwischen den Welten

Tantra. Für die einen eine Welt voller Verheißung, für die anderen irgend so ein indisch angehauchter Sexkult. Mehr will man dann lieber gar nicht wissen.

Kaum ein Seminar vergeht ohne die Frage: Wie können wir das, was wir hier erlebt haben, in unseren Alltag mitnehmen? Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr sich das Geschehen im Tantrakurs offensichtlich vom „normalen Leben“ der meisten Teilnehmenden unterscheidet, so als handele es sich tatsächlich um eine andere Welt. Dabei geht es – zumindest was meine Seminare angeht – nicht vorrangig um Sex, sondern im Kern darum, „mit dem zu sein, was ist“.

Das ist offenbar sensationell in einer Welt, in der wir pausenlos damit beschäftigt sind, was nicht sein darf oder unbedingt sein muss, aber eben nicht ist. Die tantrische Weisheit klingt dagegen lächerlich einfach: Erst wenn wir uns mit allen Sinnen, Gefühlen und Gedanken dem zuwenden, was tatsächlich ist, und dies als Tatsache anerkennen, können wir unsere Wirklichkeit bewusst mitgestalten. Solange wir etwas bekämpfen, ohne dessen Existenz anzuerkennen und sie am besten auch zu verstehen, hält uns das gefangen.

Die heile Welt und das normale Leben

Der Erlebnisraum, der aus der Wertschätzung des Seins heraus entsteht, fühlt sich für viele tatsächlich wie eine Art heile Welt an. Die Fähigkeit zu Lust und Liebe nehmen in einem Ausmaß zu, das sich Außenstehende kaum vorstellen können.
Doch all diese Glücksmomente gibt es nicht zum Nulltarif, denn „sein mit dem, was ist“ beinhaltet auch die Zuwendung zu und Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Lebens, mit ungeliebten Gefühlen, destruktiven Gedanken, alten Verletzungen und aktuellen Enttäuschungen. Der Attraktivität dieser Weltsicht, die nicht spaltet, sondern Verbundenheit betont und erfahrbar macht, tut dies allerdings meist wenig Abbruch.

Um diese Welt kennenzulernen – oder genauer gesagt: diese Umgangsweise mit uns selbst und einander –, brauchen wir einen geschützten Rahmen, denn durch den offeneren Kontakt miteinander machen wir uns verletzlich. Es ist nicht einfach, mit dieser Verletzlichkeit im „normalen Leben“ unterwegs zu sein und so hat sich längst eine Nische herausgebildet: die Welt des Tantra. Obwohl viele „Uneingeweihte“ beim Stichwort Tantra vielsagend schweigen oder gar die Nase rümpfen, werden wir in der Regel in Ruhe gelassen. Die meisten Kursteilnehmer*innen sind schlau genug, nicht jedem genau unter die Nase zu reiben, was sie an gewissen Wochenenden treiben. Doch dadurch wird die Kluft zwischen den Welten leider nicht kleiner.

Nische und Stigma

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich ausgerechnet Tantra, das die Verbundenheit aller Existenz lehrt, sich behaglich in einer Nische eingerichtet hat (mal von dem Ärger abgesehen, den Tantramasseur*innen mit dem PrSchG haben). Wir könnten dafür das Stigma verantwortlich machen, mit dem Tantra behaftet ist. Es enthält vor allem drei Aspekte:

  • sexuelle Ausschweifung
  • obskure Esoterik und
  • psychokultige Nabelschau

Jedes einzelne dieser drei Vorurteile trägt dazu bei, dass Tantra von der Gesellschaft nicht ernst genommen wird; alle drei zusammen bilden ein gewaltiges Bollwerk. Verständlich, dass sich viele im Freundes- oder Kollegenkreis nicht mit Tantra-Erfahrung outen wollen. Aufgeschlossene Ärzte und Psychotherapeuten schicken ihre Klienten hinter vorgehaltener Hand zum Tantra, denn auch in Fachkreisen lässt sich damit kaum punkten.

Warum wir nicht ernst genommen werden

Die Verantwortung, nicht ganz ernst genommen oder abgewertet zu werden, liegt allerdings auch bei uns selbst, die wir Tantra lieben und praktizieren. Längst nicht alles, was unter diesem Label angeboten wird, erfüllt auch nur Mindeststandards an Seriosität. Es findet kaum schulenübergreifender Austausch statt und schon gar nicht das, was im akademischen Bereich „kritischer Diskurs“ genannt wird. Ich rufe sicher nicht nach staatlicher Reglementierung, aber was theoretisch, methodisch, therapeutisch, ökologisch oder ethisch problematisch ist, wird – wenn überhaupt – nur durch eine Abstimmung mit den Füßen geregelt, durch die Gesetze des Marktes. Aber wie wir alle wissen, setzt sich nicht immer die beste Qualität am Markt durch.

Im Tantranetz präsentieren wir bewusst verschiedene, manchmal auch kontroverse Perspektiven auf relevante Themen. Immerhin. Doch die Standpunkte stehen hier meist nur einfach nebeneinander. Für eine echte Weiterentwicklung tantrischer Theorie und Praxis ist das etwas dünn. Wir machen es Außenstehenden leicht, ihre Klischees zu pflegen.

Ich finde das schade, bin aber auch etwas ratlos, was zu tun wäre. Im vergangenen Jahr habe ich mich unter dem Stichwort Tantra for future mit der Umweltkrise und dem Klimaschock und vor allem unserem Umgang damit beschäftigt und dazu viel Resonanz erhalten. Ich hätte das gerne zu einem Schwerpunktthema im Tantranetz gemacht, doch von Seiten meiner Kolleg*innen gingen leider keine Textangebote ein. Das irritiert mich, denn für mich ist die Einfühlung in die Bedürfnisse der inneren wie auch der äußeren Natur Ausdruck einer tantrischen Lebenshaltung.

Wertvolle Impulse für die Gesellschaft

Wir, die wir uns mit Tantra beschäftigen, haben der Gesellschaft viele wertvolle Impulse für die Gestaltung von Liebe, Beziehungen und Sexualität zu geben, aber auch darüber hinaus. Den Politik- und Umweltkrisen entsprechen ganz offensichtlich Innenwelt- und Beziehungskrisen. Grobe und herzlose Interaktionen in den sozialen Medien sind uns ein deutlicher Spiegel. Die bescheidene psychische Reife vieler Führungsfiguren unserer Gesellschaft ist mit etwas Menschenkenntnis unschwer zu erkennen.

Wir werden sie wohl kaum alle dazu bewegen, einen Tantrakurs zu besuchen, aber es gibt wahrscheinlich andere Möglichkeiten, auf das gesellschaftliche Klima Einfluss zu nehmen und Impulse zu setzen. Wollen wir diese nutzen? Wollen wir raus aus der Nische? Welche tantrisch inspirierten Impulse wären wegweisend?

Hier einige Impulse in Form offener Fragen (die meist mehr bewegen als Antworten):

  • Was ist wesentlich? Was erfüllt uns? Was gibt unserem Leben Sinn?
  • Wie wurden unsere Grundbedürfnisse nach Geborgenheit und Autonomie verletzt? Was brauchen wir um zu heilen?
  • Wieviel Raum geben wir lustvoller Betätigung und liebevollen Begegnungen? Was steht dem im Weg?
  • Wie können wir unsere Neigung zu Rechthaberei und Polarisierung erkennen und loslassen? Wie können uns darauf ausrichten, was uns Menschen miteinander verbindet?

Gefühle der Trennung und wie wir sie kompensieren

Vielleicht ist es das, woran wir kollektiv am meisten Leiden: am Gefühl der Trennung und dessen trauriger Kompensation durch Selbstoptimierung, Konkurrenz und Konsum. Selbstliebe und -fürsorge sind wichtig für ein erfüllendes Leben, doch erst mit dem Erleben von Verbundenheit entwickelt sich ganz natürlich das Bedürfnis, auch für einander zu sorgen, einander zu lieben und die Gemeinschaft zu genießen. Fühlen wir uns getrennt, werden wir zu frustrierten Egoisten oder resignieren. Solange wir im Glauben verhaftet sind, dass des einen Gewinn immer des anderen Verlust bedeutet, befördern wir Trennung und Egoismus. So setzen wir im Zeitalter der Globalisierung die gesamte menschliche Zivilisation aufs Spiel. Es ist die Erfahrung universeller Verbundenheit – gepaart mit dem Respekt für unsere Einzigartigkeit – die uns daraus befreien kann.

Tantrische Verantwortung?

Das tantrische „Ja zu dem, was ist“ bedeutet keine rosa Soße über Umweltzerstörung, Ausbeutung und Krieg auszugießen. Es bedeutet, all das und die dadurch ausgelösten Gefühle – genauso wie Liebe, Lust und Glücksmomente – an uns heran zu lassen, zu fühlen und zu akzeptieren, dass es ist, wie es ist. Daraus schöpfen wir Kraft, im Einklang mit unseren Wünschen, Zielen und Sehnsüchten zu handeln, zu verändern und zu gestalten.

Die transformative Kraft des Tantra, wie wir sie in unserer Nische erleben, kann sie auch „da draußen“ ihre Wirkung entfalten? Vom Dialog zwischen den Welten könnten beide Seiten profitieren. Haben wir dazu den Mut? Oder liegt darin sogar unsere tantrische Verantwortung?

Dieser Text ist vor Ausbruch der Coronapandemie entstanden. Das Update dazu habe ich in Corona – Innehalten und die Weichen neu stellen beschrieben.

Text: Saleem Matthias Riek

Website: www.schule-des-seins.de

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Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist 1959 geboren, Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie, Tantralehrer, Diplom-Sozialpädagoge, Buchautor und lebt bei Freiburg im Breisgau. Seit 1986 erfolgreiche therapeutische Arbeit mit Einzelnen und Gruppen, seit 1992 mit den Schwerpunkten Liebe, Erotik, Paarbeziehung und Tantra, seit dem Jahr 2000 auch in der Ausbildung von Gruppenleitern tätig. Saleem ist Autor mehrerer Bücher rund um Lust und Liebe, Tantra und Spiritualität. Weitere Bücher, darunter ein Roman, sind in Vorbereitung.

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