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Entspannte und tief verbundene ozeanische Weite des Gefühls.

Der Orgasmus – lustvoller Höhepunkt, absoluter Sinnesrausch, Glücksgefühl voller Innigkeit und strömender Liebe, friedvolle Hingabe. Es gibt so viele und vielfältige Beschreibungen dieses Augenblicks oder dieser Zeitspanne und jeder und jede empfindet es anders. Allen orgastischen Erfahrungen allerdings ist gemeinsam, dass sie sich in einem Feld von An- und Entspannung, von Zielorientierung und Absichtslosigkeit abspielen. Es tanzen zwei Energien miteinander und erschaffen dadurch Höhen und Tiefen sexuell-spiritueller Ekstasen. 

Wird ein solcher Tanz der beiden Kräfte über die Zervix eröffnet, dann steht der Schwerpunkt hierbei eher auf der Entspannung als auf der Erregung. Denn die Zervix ist kein Erregungsorgan wie etwa die Klitoris oder der Penis und scheint deshalb besonders gut geeignet, eher einen langanhaltenden Zustand eines Plateaus oder, wie Diana Richardson sagen würde, eines Orgasmisch-seins zu erzeugen und keine schnelle „Triebabfuhr“. Denn zervikal ausgelöste orgastische Zustände können ozeanisches Fühlen auslösen und eine langanhaltende Weite des Spürens von allumfassender göttlicher Liebe ermöglichen. Um das Potential der Zervix voll zu genießen, sehe ich besonders die tantrische Praxis gefragt. Denn Tantra bietet einen achtsamen Raum, eine das Vertrauen unterstützende Atmosphäre und bewusste Berührungen, Voraussetzungen um das volle Potential der Zervix für orgastisches Erleben zu erwecken.

Ein Zervix-Erfahrungsbericht: Mit zwei Fingern taste ich mich vorsichtig an der oberen, zum Bauch hin liegenden vaginalen Wand vor und stoße hinter der G-Fläche auf ein knorpeliges Gewebe, das sich von der Festigkeit her ein bisschen so anfühlt, als würde ich auf meine Nase drücken. Es ist mein Muttermund. Das Gewebe hat ungefähr die Form eines Rings, ist glatt, hat einen Durchmesser von zirka ein bis zwei Zentimetern und in der Mitte eine kleine Mulde. Ich umkreise ihn langsam mit beiden Fingerspitzen und bemühe mich dies sanft und vorsichtig zu tun, denn zu selten habe ich mich bisher selbst hier berührt. Dann drücke ich an den Rand dieses ringförmigen Gebildes, und mein gesamter Uterus schwingt leicht im Bauchraum hin und her. Ich spüre zunächst nicht viel. Anscheinend ist auch bei mir der Muttermund und der Rest der Zervix, wie ich schon oft gelesen habe, eher unempfindlich, vielleicht fast sogar etwas taub. Vielmehr nehme ich höchstens ein entferntes, sehr leichtes Prickeln oder die Ahnung einer kleinen Welle wahr. Meine Atmung wird ruhiger, ja, und ich entspanne mich. Ich merke, dass ich erst allmählich nach weiterem Streicheln und sanftem Stupsen etwas mehr Zugang – zum Beispiel durch die Assoziation an einen Delphinschnabel, der aus dem Wasser schaut, – zu diesem bisher von mir wenig beachteten sexuellen Organ bekomme. 

Ja richtig, Sex war der Anlass, warum ich mich überhaupt auf die Erkundungsreise zu meiner Zervix begeben habe. Denn seit einiger Zeit erreiche ich beim Liebesakt regelmäßig zervikal ausgelöste orgastische Zustände, die mich in eine bisher nicht gekannte Weite tragen, mich tief mit mir selbst und meinen Herzkräften verbinden, mir halluzinogene Bilder schenken. Wenn der Lichtstab meines Liebhabers an den Muttermund und von der Seite durch die vaginale Haut hindurch am unteren Stück der Zervix entlang reibt und hier sanft bis heftig stößt, dann kann dies zwar etwas schmerzhaft sein, doch lohnt es sich, denn tiefe Entspannung stellt sich dadurch ein. Ich erreiche dann ein Gefühl von Zeit- und Ichlosigkeit, die ich als Ekstase bezeichne. Sie ist durch eine Öffnung in die allumfassende Liebe des Kosmos und zu Gott hinein begleitet. Durch die zervikale Stimulation aktiviert sich etwas in mir, das mich so entspannen lässt, dass diese Liebe förmlich in mich hineinströmen kann, so dass ich mich oft noch eine Stunde oder mehr nach dem Sex high fühle, als wäre ich betrunken, berauscht, chemisch auf anderen Substanzen unterwegs gewesen. Die Zervix und besonders der Muttermund sind anscheinend sehr potente Sexorgane und damit meine ich spirituelle Organe, denn sexuelle Energie ist nach meinem Verständnis hoch konzentrierte spirituelle Energie oder anders gesagt: Geilheit sehe ich als heilig an. Und es ist bemerkenswert, dass ich meine Zervix bisher in meinem Sex- und Tantraleben noch viel zu wenig als ein solches Organ wahrgenommen und wertgeschätzt habe – ein triftiger Anlass näher nachzuforschen.

Den Uterus kann man sich wie eine umgedrehte Birne vorstellen. Der dickere obere Teil befindet sich zwischen Blase und Enddarm und ist leicht zur Blase hin gekrümmt, wobei der dünne, schmale Gebärmutterhals, also die Zervix, bis hinunter in die Vagina reicht und dort als Muttermund mündet. Der Uterus ist bei jeder erwachsenen Frau zirka sieben bis zehn Zentimeter lang und anderthalb bis drei Zentimeter dick. Sein Gewicht beträgt 50 bis 60 Gramm. In der Schwangerschaft erhöht es sich auf ein Kilo und auch sein Umfang erweitert sich von der Größe einer Pflaume auf ein Vielfaches davon. Somit ist die Gebärmutter das größte menschliche Muskelorgan. Die enorme Kraft der Gebärmutter ist spätestens bei der Geburt eines Kindes nicht zu übersehen. Dieses Muskelorgan bringt durch massive Kontraktionen (Wehen) das Kind zur Welt, verfügt also über eine sehr große Kraft. Diese Kraft kommt jenseits der Schwangerschaft den orgastischen Zuständen zu Gute. Denn orgastische Kontraktionen und Entladungen an der Gebärmutter sind nichts anderes als kleine, ganz feine Wehen, die den ganzen Körper erschüttern und zum Vibrieren bringen können und ekstatische Erfahrungen demnach sehr gut auslösen und unterstützen werden.

Die Gebärmutter wird von dehnbaren Bändern im unteren Bauchraum gehalten, wodurch ermöglicht wird, dass sie sich flexibel bewegen kann. Je nach dem monatlichen Zyklustag verändert der Uterus seine Position im Bauch. Er wandert von vorne nach hinten und wieder zurück. Was es bei vielen Frauen nicht immer leicht macht, den Muttermund in der Vagina überhaupt zu finden. Hier gilt es den Tag im Zyklus zu berücksichtigen. Auch die Erregung des gesamten Geschlechtsbereichs nimmt großen Einfluss auf die Lage des Muttermundes und des Uterus. Steigt die lustvolle Erregung zum Beispiel im Laufe des Liebesspiels an, dann bildet sich vor dem Muttermund in der Vagina die sogenannte orgastische Manschette, und die Gebärmutter richtet sich weiter nach hinten und oben auf, streckt sich also in den Bauchraum hinein, wodurch die Vagina länger und tiefer wird, und der Muttermund weiter in den Bauchraum und damit ans Ende des vaginalen Kanals rutscht. Hier nun ist sie für den Penis und auch für einen Dildo gut erreichbar und stimulierbar, wobei der Kontakt natürlich jeweils individuell ausgetestet und hergestellt werden muss. 

Besonders empfindlich ist der sogenannte A-Punkt oder besser die AFE Fläche. Sie ist 2003 nach dem Koreaner Chua Chee Ann benannt worden. Diese A-Fläche befindet sich am Rand des Muttermundes, zwischen dem wulstigen Ring und dem vaginalen Gewebe, das in Richtung G-Fläche liegt. Sie kann entweder mit dem Penis, mit einem geeigneten Dildo oder mit den Fingern erreicht und berührt werden. Es handelt sich um den Hotspot des Muttermundes, der zum einen sanfte Berührungen, aber auch gerne Druck mag. Der Druck sollte langsam aufgebaut, gehalten und dann wieder langsam gelöst werden. Das Innehalten mit Druck ist häufig ein Schlüssel für das Erwecken der Kraft der Zervix.

Doch das heißt nicht, dass es der Zervix primär um lustvolle Erregung geht. Sie ist kein Erregungsorgan wie etwa die Klitoris, sondern eines das ganz auf Entspannung setzt. Das heißt, damit sie ihre Kraft und die des gesamten Uterus freisetzt, braucht sie achtsame Behandlung, Sicherheit und Vertrauen. Weniger gibt sie sich der sexuellen Reizung hin, als vielmehr dem richtigen Druck an der richtigen Stelle in einer geschützten und liebevollen Atmosphäre. Dann kann sie sich entspannen und den Impuls der Entspannung selbst über die Nervenbahnen an den restlichen menschlichen Körper und Geist weitergeben. 

Die Zervix ist mit drei wichtigen Nervensystemen verbunden, von denen der Vagus-Nerv der wichtigste ist. Der Vagus-Nerv startet im Gehirn und ist mit der Zirbeldrüse verknüpft, führt zu den Ohren und über den Hals weiter zum Herz, zur Lunge, zu den Brüsten und den Brustwarzen, zum Magen und den Nieren sowie zur Gebärmutter und zur Prostata, um nur einige wichtige Organe zu nennen. Ein Impuls durch den Vagus-Nerv bringt die Organe jeweils in Balance, mindert Stress und beruhigt. Denn der Vagus-Nerv gehört zum parasympathischen Nervensystem, welches für Entspannung und Regeneration des menschlichen Körpers zuständig ist, anders als sein Gegenspieler der Sympathikus, welcher auf Aktivität, Erregung und Leistung ausgerichtet ist.

Wird die Zervix und durch sie das Nervensystem des Vagus stimuliert, dann kann es in der Zirbeldrüse zur Ausschüttung von DMT (Dimethyltryptamin), eines halluzinogenen Tryptamin-Alkaloids, und von Oxytocin, dem Bindungs- und Glückshormon, kommen. DMT fungiert als Neurotransmitter sehr ähnlich wie Serotonin, das für tiefe Entspannung zuständig ist, und ebenfalls als Glückshormon gilt. Die halluzinogene Wirkung von DMT ist stärker noch als durch Psilocybin, ein halluzinogener Wirkstoff, der auch in magic mushrooms vorkommen kann. Denn beim DMT wird von lebendigen, visuellen Halluzinationen und von kaleidoskopartigen Bildern berichtet. DMT sorgt zudem dafür, dass Menschen unmittelbarer mit ihren Gefühlen in Kontakt kommen und diese direkter ausdrücken. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sehr starke, spirituelle Orgasmen an der Zervix ausgelöst werden können, durch die die oben erwähnte kosmische Verbundenheit zur universellen Liebe sowie bildhafte Assoziationen erklärbar werden, und auch der Grund für die langanhaltende Wirkung und die Herzöffnung liegen mag. Hinzu kommt, dass die Gebärmutter quasi die Empfangsstation der Seele ist, welche hier in den Körper und damit ins Leben kommt, und deshalb steht die Gebärmutter mit Geburt, Leben und der allumfassenden Energie des höchsten Prinzips in engster Verbindung. 

Bisher ist die Zervix noch zu wenig in der Tantra-Praxis erforscht worden. Viele Frauen fühlen nicht viel am Muttermund und Gebärmutterhals. Oder es stellt sich für sie nur ein indirektes Fühlen ein, das zeitlich versetzt ist. Die Zervix kann schmerzhaft oder taub sein. Konflikte und sogar Traumata können hier abgespeichert und festgehalten sein und sich als Verhärtungen im Gewebe zeigen. Die Therapietechnik des dearmoring setzt hier an und versucht sogenannte Verpanzerungen durch Druck auf die Zervix aufzulösen. Hierfür wird die Zervix wie eine Landkarte erforscht und nach und nach von den Blockaden befreit. 

Um mehr über die Zervix herauszufinden und sie und explizit ihre Potenz als sexuell-ekstatisches Organ zu unterstreichen, habe ich eine Zervix Meditation entwickelt, die ich in meinen tantrischen Workshops „Himmelsflüge – orgastisches Erleben“ anleite. Es ist keine Massage, sondern eine Meditation, der es um eine andere Wahrnehmung und ein anderes Bewusstsein geht. Nicht der schnelle Erregungsorgasmus steht im Fokus, sondern die grundsätzliche Sensibilisierung der Zervix. 

Text: Stefanie Rinke

Website: www.come-as-you-are.de

Der Zervix-Orgasmus 
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Stefanie Rinke

Dr. Stefanie Rinke, Jg. 1971, ist Kulturwissenschaftlerin und hat über das Thema „Das Genießen Gottes“ in der mittelalterlichen Frauenmystik promoviert. Die spirituelle Liebe zu Gott greift sie heute in ihren tantrischen Seminaren auf, u.a. wenn es darum geht, sexuelle Energien für die eigene innere unio mystica zu nutzen. Ihr Spezialgebiet ist das orgastische Erleben, welches sie in ihren Workshops „Himmelsflüge“ erforscht. An der HU Berlin im Programm Berlin Perspectives unterrichtet sie Seminare zur sexuellen Kultur Berlins. Sie ist Autorin und Assistentin beim Tantra Institut BeFree von Regina Heckert.

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