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Die etwas andere Erfolgsgeschichte.

Vor ein paar Wochen hatte ich eine verblüffende Erkenntnis.

Ein Peak – Erfolgserlebnis und ein Peak – Orgasmus sind enge Verwandte!

Sie haben beide zwei Seiten:

Werden sie gemacht, um etwas zu erreichen, machen sie mich nicht glücklich – im Gegenteil!

Sie hinterlassen mich müde und leer.

Dürfen sie aus dem absichtslosen Sein heraus entstehen, erfüllen sie mich mit tiefer und vor allem nachhaltiger Zufriedenheit, mit einem satten, warmen Gefühl von „alles ist in Ordnung, ich bin gebettet in der Welt, alles ist gut“.

Aber fangen wir doch am Anfang an …

Ich möchte dir meine Geschichte erzählen…

Erfolg macht glücklich – na klar!

Erfolg macht glücklicher – satter – zufriedener.

Erfolg bringt mir Anerkennung.

Das dachte ich nicht nur – das war für mich eine Tatsache. Die ich nie in Frage gestellt habe. Warum auch?

Aber was, wenn das nicht stimmt?

Ein echt erfolgreicher Abend

Letztens war ich so richtig erfolgreich.

Ich hatte über Monate meine erste online-Veranstaltung geplant, Wochen lang hatten mein Coach und ich daran gearbeitet.

Ich hatte unglaublich viel gelernt, um mir die Regeln und Gesetze des online-business zu erobern.

Endlich kam der Moment des Absprungs!

Das Vorspiel

Pre-Launch – Newsletter – Verteiler – und schließlich – die Launch.

Und siehe da – innerhalb von 1 ½ Tagen war das Ding ausgebucht!

Wie war das aufregend!!!

Und mein Lampenfieber erst – GROSSE GÖTTIN!

Das war ja fast nicht auszuhalten!

Ich kam überhaupt nicht mehr zu Ruhe.

1 ½ Wochen lief ich auf Hochtouren!

Und dann – der Abend selbst. 

Ich war richtig gut vorbereitet.

Zeitkonzept – check!

Kärtchen für einen Kurzvortrag – check!

Trancereise schriftlich fixiert – check!

Und … es hat alles super geklappt!

Eine größere Panne gab es, die konnte ich jedoch gut wegstecken.

Das passiert schon mal, wenn man was zum ersten Mal macht.

Es war wie ein Rausch…

Schon während der Veranstaltung merkte ich, wie ich runter kam.

Die Aufregung verflog.

Ich ging souverän durch den Abend hindurch.

Es war gar nichts so Besonderes! Eher vertrauter Boden …

Danach noch eine kurze Nachbesprechung mit meinen beiden „Geburtshelferinnen“, die sich erboten hatten, mir zur Seite zu stehen …

Und dann … die innere Leere

Auf einmal war ich total leer.

Gut, dachte ich, dass ist ja auch normal nach all dieser Anstrengung, nach all dieser Aufregung.

Die Freude kommt schon noch.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und war einfach nur erschöpft.

Müde. Antriebslos. 

Gut, dachte ich, ich brauche halt einen Tag Ruhe. Das war ja auch echt eine aufregende Zeit gewesen davor.

Koch ich mir was Schönes, schlafe viel, gehe spazieren.

Morgen wird es besser.

Die Freude kommt schon noch.

Der 2. Tag danach war noch schlimmer. 

Mein ganzer Körper tat mir weh. Jeder Muskel. Jeder Knochen.

Ich hatte das Gefühl von einem schweren Kater.

Und – ich war depressiv und erfüllt von tiefer Hoffnungslosigkeit.

Das war der Moment, in dem die Angst kam.

Was war denn nur los mit mir?

Alle anderen Menschen würden sich total freuen über so einen Erfolg!

Sie wären glücklich!

Und wenn nicht glücklich, dann doch wenigstens so richtig satt und zufrieden!

Nur ich mal wieder nicht. 

Natürlich.

Ich machte sogar aus einem Erfolgserlebnis noch ein Drama.

Was für eine Looserin…

Erst jetzt fing ich an zu realisieren, dass es mir ernsthaft NICHT gut ging und begann, mich um mich zu kümmern.

Ich telefonierte mit einer Freundin.

Ich ging raus in die Natur.

Ich führte ein zweites Gespräch mit einer anderen Freundin.

In diesem Gespräch begriff ich, wie verängstigt ich inzwischen war.

Denn was ist denn die Konsequenz für mich, wenn ich nicht mit Glück, Freude und satter Zufriedenheit auf Erfolg reagiere?

Was, wenn ich Erfolg überhaupt nicht mag?

Was, wenn ich Erfolg überhaupt nicht mag?

An dem Gedanken von Erfolg hängt neben der Erwartung von Glück, Sattheit und Zufriedenheit auch die Idee von finanziellem Erfolg.

Am finanziellen Erfolg hängt die Wunscherfüllung.

Davon gibt es einige. Endlich mal wieder einen Urlaub… Der Traum von einem Bungalow mit Terrasse… Ein E-Bike … 

Jetzt machte ich auch einen Termin mit meinen Businesscoach.

Denn, dachte ich mir – wenn einer sich mit Erfolg auskennt, dann doch wohl er!

Das tut er. Und ich sollte eine echte Überraschung erleben…

Erfolg – die Legende vom Glück

Wir trafen uns zu einem Zoom (Corona).

Er lies sich die ganze Geschichte erzählen – und dann applaudierte er!!!

Er applaudierte!!!

Und ich verstand mal wieder die Welt nicht mehr… 

Der Esel und die Möhre vor der Nase

Sehr zu meinem Amüsement stand er dann auf und mimte den Esel, dem die Möhre vor der Nase hängt.

Endlich konnte ich mal wieder lachen…

Erfolg macht glücklich – das sei eine Illusion.

Eine der größten Illusionen in unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft.

Eine der dicksten Möhren vor unseren Nasen, denen wir überhaupt hinterher rennen können!

Eine Lüge, der wir total und völlig unreflektiert Glauben schenken, weil wir damit aufgewachsen sind.

Und ich hätte diese Seifenblase zum platzen gebracht.

Gratulation!

Und ich? Ich brach erst mal in Tränen aus…

Verdammt!

Wenn noch nicht mal Erfolg mich glücklich machen kann, was denn dann?

Es gab eine regelrechte Kollision in meinem Hirn.

Alles purzelte durcheinander. Und dann stand alles still.

Ich konnte das nicht mal denken.

Aus welchem Raum heraus handle ich?

Was ich gelernt und geglaubt hatte war: wenn ich erfolgreich bin, werde ich glücklich. Und reich. Und…

Ich habe also eine Handlung mit einem gewünschten Zustand verknüpft.

In diesem Fall: Glück mit erfolgreichem Handeln.

Was aber passiert tatsächlich?

Wozu führt diese Art der Motivation?

Das Erfolgserlebnis ist vorbei. 

Ich fühle mich nicht genährt, sondern leer, erschöpft, vielleicht auch depressiv.

Wo ist denn das Glück?

Wahrscheinlich war ich nicht erfolgreich genug!

Also – ich setzte mich jetzt sofort hin und plane die nächste Veranstaltung. Das nächste Seminar. Ein Buch!

Und schwups diwups – erzeuge ich neue Erregung!

So entsteht Sucht.

Erschöpfung.

Vielleicht sogar ein tiefes ausgebrannt Sein.

Auf jeden Fall aber Hoffnungslosigkeit.

Denn ich kann mein Ziel einfach nicht erreichen:

Das Gefühl von satt sein, zufriedenen sein, glücklich sein.

Ich kann mein Ziel nie erreichen!

Die Wahrheit ist: Glücklich bin ich, wenn ich zutiefst mit mir verbunden bin.

Mit meinem So-Sein. Mit meinem Ich-Bin.

Das ist der Zustand von geliebt werden, einfach weil ich bin.

Nicht für das, was ich tue. Nicht für das, was ich habe.

Sondern schlicht, weil ich bin.

Ich bin einfach da. Das reicht völlig, um mich zu lieben.

Langsam dämmerte mir die Erkenntnis…

… und ich entdeckte völlig verblüfft die Parallele zum mechanisch erzeugten Gipfel-Orgasmus!

Wenn ich mich liebe für meine Ideen, die Umsetzung davon und das Ganze dann auch noch abhängig mache vom Erfolg, setze ich mich permanent unter Druck.

Druck erzeugt Leistungs-Stress.

Und der hört nie auf, kennt keine Grenzen, macht vor nichts halt.

Ich kann es nie gut genug machen.

Ein Erfolg muss auf den nächsten folgen, damit ich den „Kater“ danach nicht so spüre!

So ist es auch mit dem kleinen, schnellen Orgasmus.

Oft, wenn er gerade vorbei ist, hinterlässt er eine Leere in mir.

Und den Wunsch, es nochmal zu machen.

Es war so aufregend. Erregend. Anstrengend. Ich hab mich richtig reingehängt, um zu meinem Ziel zu kommen.

Jede Menge Stress- und Glückhormone, gemischt zu einem euphorisierenden Cocktail, fluten meinen Körper!

Und danach?

Jede Menge Anti-Stress-Hormone, die Downer.

Die Hormoncocktails, die mich wieder runterholen.

Sie hinterlassen dieses Gefühl, wie wir es von einem „Kater“ kennen. Ein Gefühl von Ent-Täuschung, innerer Leere und vielleicht auch die Frage: „War´s das jetzt schon wieder?“

und … „warum bin ich denn jetzt nicht glücklich, satt, zufrieden?“

Und genau so erging es mir jetzt nach diesem erfolgreichen Abend!

Darin sind sich erregende Erfolgserlebnisse, die mit viel Energieaufwand erzeugt werden, und der kurze, schnelle, mechanisch erzeugte Peak-Orgasmen vollkommen gleich!

Das wenn-dann-Universum und das um-zu-handeln

Die Vorstellung von: „Erfolg macht glücklich“ existiert im Wenn-Dann-Universum: wenn ich erst Erfolg habe, dann werde ich glücklich.

Das Gegenstück dazu ist eine Welt, in der ich glücklich bin, weil ich mein So-Sein verkörpere.

Auch hier kann ich erfolgreich sein, nur – mein Glück hängt nicht mehr ab von meinem Erfolg.

Es geht einzig und allein darum, ICH zu SEIN.

Das macht glücklich.

Und um das Glück ging es mir ja schließlich, nicht wahr?

Wenn wir da zum Thema Orgasmus zurückkommen – auch hier gibt es eine deutliche Parallele:

Gehe ich in eine sexuelle Begegnung mit mir selbst oder einem anderen Menschen und mein Ziel dabei ist, einen Orgasmus zu erlangen – das ist das wenn-dann-Universum, das um-zu-handeln – geht mir das Gefühlspektrum auf dem Weg dorthin größtenteils verloren.

Erreiche ich den Orgasmus nicht oder der Orgasmus erfüllt meine Erwartungen nicht, bin ich ent-täuscht, frustriert, leer.

Wie oft habe ich das im Sex schon erlebt!

Der Tal-Orgasmus

Gehe ich aber in eine sexuelle Begegnung mit mir selbst oder einer anderen Person, um mich zu spüren, um meinen Körper zu fühlen, um mich selbst oder den/die andere auskosten zu können mit allen Sinnen – geht es mir also um das Erleben selbst – dann geh ich satt, zufrieden und glücklich aus der Begegnung.

Und zwar unabhängig von einem Orgasmus.

Hat sich die Erregung jedoch so weit aufgebaut, dass der Körper über einen Orgasmus entlädt – dann ist dieses Erleben vollumfänglich.

So ein Orgasmus erreicht dann alle Ebenen des Seins – die mentale, die emotionale, die physische und die spirituelle.

Dieses ganzheitliche Empfinden wiederum hinterlässt ein Gefühl von Sattheit, Geborgenheit, gewollt sein und letztlich – ja – auch Glück!

Was ist mein Resümee?

Also erst einmal zu dem, womit ich mich echt auskenne:

Ich liebe (sic!) meine kleinen Piek-Orgasmen! Nichts gegen sie!

Sie sind perfekt, um mal kurz Energie abzubauen unter Tage, oder – für mich persönlich – vor dem Einschlafen.

Sie machen mich kurz glücklich und dann bringen mich dann schön runter. Ich werde müde und kann einschlafen.

Sich selbst erfreuen bei Einschlafstörungen – das hat letztens sogar eine der großen Krankenkassen empfohlen!

Und … auf Dauer braucht es etwas anderes, um mich satt, zufrieden und glücklich zu machen in meinem Sexualleben!

Die Zutaten für ein erfüllendes sexuelles Erlebnis

1 große Portion Zeit – das ist die wichtigste Zutat.

1-2 Tassen gut gewürzte Absichtslosigkeit.

2 – 3 Hände voll zielloses-sich-genießen-dürfen

5 Esslöffel einfach-sein-dürfen-in-dem-sinnlichen-sexuellen-Erleben

1 große Glas „ich-muss-gar-nichts“.

2 Kellen voll „ich-muss-nichts-leisten“.

1 ordentliche Prise von „ich-muss-nicht-performen“

2 Tassen von einfach-weil-es-sich-gut-anfühlt

Und dann – wenn es denn geschieht – mich völlig auflösen zu dürfen in dem Tal-Orgasmus, der mich in diesen tiefen Raum von Dunkelheit und Licht führt, wo ich schwerelos bin, pures Fühlen, pures Sein.

Wie eine Meditation.

Und auch hier – Zeit, um das in Ruhe auskosten zu können! Einschlafen zu dürfen darüber. Oder auch nicht.

Kein aufspringen. Kein duschen. Kein mich für die Nacht fertig machen…

Einfach sein.

Und was ist mit dem Peak-Erfolg?

In Zukunft weiß ich:

Wenn ich ein anstrengendes und aufregendes Erfolgserlebnis hatte, brauche ich gute Pflege von mir selbst!

Mein Körper kommt runter von den körpereigenen Drogen. Ich muss meine Kraft wieder aufbauen, indem ich:

  • Mich gut versorge.
  • Geborgene Gesellschaft um mich herum habe.
  • Gutes Essen zu mir nehme.
  • viel schlafe.
  • mich innerlich und äußerlich zur Ruhe kommen lasse.
  • in der Natur bin.
  • mich ausreichend körperlich bewege.
  • wieder bei mir ankomme.

Vielleicht entsteht aus meinem So-Sein ein neues Projekt. 

Vielleicht will etwas Neues geboren werden.

Vielleicht ist es aber auch erst einmal für eine Weile genug.

Im Moment jedoch brauche ich nur eins:

in Ruhe mit mir Sein.

Text: Nhanga 

Webseite: https://nhanga.de/

Was haben Erfolg und Orgasmus gemeinsam?
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3 thoughts on “Was haben Erfolg und Orgasmus gemeinsam?

  • 29. Juli 2022 um 13:50
    Permalink

    Super, vielen Dank liebe Nhanga für diesen tollen Beitrag. Ich kann sehr viel damit anfangen und kenne beide Facetten dieser Medaille. Du hast es sehr gut auf den Punkt gebracht und klasse geschrieben. Echt. Danke.
    Liebe Grüße Petra

    Antworten
  • 12. August 2022 um 13:19
    Permalink

    Von Herzen Dank für diesen berührenden Spür- und Erkenntnisbeitrag. Er kam für mich heute genau passend und lässt mich auf einen tiefen Höllengang anders blicken.
    Die Ausrichtung auf Leistung, der Schein des Seins durch Erfolg, auf das wir auch heute noch vom ersten Atemzug und schon davor ausgerichtet werden und uns schließlich selbst ausrichten, legt uns Fesseln an , welche wir sprengen sollten. Gerade alte Frauen sind noch immer eingeschlossen in diesem Panzer, wenn sie eine besonders lebensfeindliche Sozialisation erlebt haben, und finden sich in einer tiefen Krise wieder, wenn sie sich im Alter wagen ihr Leben zu reflektieren und analysieren.
    So ein Beitrag richtet auf und stärkt
    Danke!!!

    Antworten

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