Der heilige Akt

Maithuna ist die sexuelle Vereinigung verstanden als etwas Heiliges. Dazu brauchen wir kein spezielles Ritual. Wenn wir beide, die wir uns da vereinigen, diese Vereinigung als sakral empfinden, ist sie Maithuna.

Mach ich es mir damit zu einfach? Ist das nicht eine Beschönigung, mit der ich profanem Sex unverdienterweise einen Heiligenschein gebe? Möchte ich durch diese Benennung etwas spirituell aufwerten, es dadurch zu etwas Besserem machen als es tatsächlich ist? Heuchelei gibt es überall, warum sollte ich dagegen gefeit sein. Vielleicht ist diese schöne Benennung ja nur ein ‚Reframen‘, wie die NLPler sowas nennen: Ich gebe dem sexuellen Akt dadurch einen neuen Bedeutungsrahmen. Als Maithuna, als heiliger Akt sieht Sex einfach besser aus. Es ist dann nicht mehr so animalisch niedrig, sondern etwas Höheres, Edleres. Ich stelle damit Sex in einen Kontext, der ihn schöner aussehen lässt und sonne mich in diesem schönen Schein.

Das wäre nur eine neue Art der Etikettierung, also Heuchelei. Ein Name ist immer nur ein Name und nicht das, was er meint. Ob ein Akt heilig ist, hängt nicht von seiner Benennung ab, sondern davon, in welchem Bewusstsein er vollzogen wird. Ob die daran Beteiligten ihn im Bewusstsein vollziehen, damit Himmel und Erde zu vereinigen, Mann und Frau, Yin und Yang, die beiden (oder mehreren) Körper als Symbole für alles, was im Universum einander polar gegenübersteht. Ob sie während des Aktes dieses Bewusstsein haben und es halten können. Ob sie damit »in der Präsenz bleiben«. Erst dann würde ich den Akt Maithuna nennen. Dann ist er eine sakrale Vereinigung, ein Sakrament.

Rituale sind menschliche Akte, die im Bewusstsein vollzogen werden, dass damit eine soziale Gestalt kreiert (Hochzeit, Initiation) oder aufgelöst wird (Scheidung, Freispruch). Oder die damit archetypischen Kräften Gestalt verleihen, wie im Maithuna. Wenn sie in dem Glauben vollzogen werden, dass der Akt selbst eine magische Wirkung hat, oder die dabei gesprochene Formel eine solche Wirkkraft hat oder das verwendete Amulett diese Wirkung hat oder sonst ein heiliger Gegenstand, oder wenn der Akt an einem heiligen Ort stattfindet, in einem Tempel oder einer Kirche, an einem geomantisch dafür besonders geeigneten Ort, für manche mag es auch das Ehebett sein oder der Ort, wo wir uns zum ersten Mal geküsst oder einander versprochen haben – dann ist das ein naiver Glaube. Im klassischen Buddhismus, einer Art »Urlehre« der spirituellen Wege, gilt ein solcher Glaube als etwas auf dem spirituellen Weg Abzulegendes. Mit dem »Eintritt in den Strom« (in Pali, der Sprache Buddhas: sotāpanna), dem ersten tiefen Erwachenserlebnis auf dem Weg, gilt der Adept als vom naiven Glauben an Riten und Rituale (sīlabbata-parāmāso) befreit.

Rituale wirken für »noch nicht erwachte« Menschen anders als für die in den Strom zur vollständigen Befreiung Eingetretenen. Die in den Strom Eingetretenen (sotāpatti) sind sich als Teilnehmer eines Rituals bewusst, dass sie dabei die Schöpfer, die Agenten der Wirkkraft des Rituals sind, und diese Kraft nicht in den Dingen oder Formeln steckt. Sie steckt nicht im Amulett, nicht im heiligen Ort und nicht in der Art, wie das Mantra gesprochen oder der Akt ausgeführt wird. Sotāpatti sind sich ihrer Schöpferkraft bewusst. Sie selbst sind es, die als Shakti und Shiva das Ritual kreieren und ihm seine Heiligkeit verleihen. Sie können den Akt auf einer Müllhalde vollziehen, in einer Katakombe, am Hauptbahnhof oder sonst einem falschen Ort, zur falschen Zeit, mit einem gesellschaftlich unpassenden Partner, in der falschen körperlichen Position und ohne das Namasté oder sonst einen Akt formeller Würdigung. Sie selbst sind Shiva und Shakti, sie haben das Bewusstsein, sie dürfen es tun, durch ihr Bewusstsein ist der Akt etwas Heiliges.

Normalerweise wählen wir für den Akt jedoch einen passenden Partner, eine schöne Umgebung und einen guten Zeitpunkt. Als Tantriker stimmen wir uns auf ihn ein durch Verehrungsrituale und Herbeirufung unterstützender Kräfte. Wir schmücken unsere Körper und den Ort, verwenden gute Düfte und schöne Musik, gedämpftes Licht und so weiter. Obwohl wir das, genau genommen, nicht bräuchten. Wir mögen es und schätzen es, aber wir brauchen es nicht. Wir machen uns die Verschönerung zunutze, um die Heiligkeit noch mehr zu empfinden, sie so noch besser zu inszenieren und einander so noch mehr zu genießen. Alles das ist legitim, sinnvoll und ratsam. Nur, was den Akt zu einem Maithuna macht, das sind nicht diese Hilfsmittel, sondern es ist unser Bewusstsein, dass wir nicht nur zwei einzelne, winzige Körper sind, die da zwischen den Galaxien und Sonnensystemen auf einem kleinen gefährdeten Planeten durchs Weltall sausen und unter Millionen anderer Wesen diesen für uns einst biologisch sinnvollen Akt vollziehen. Sondern es ist unser Bewusstsein, dass wir beide mächtige Symbole sind, Stellvertreter für noch so vieles außerhalb von uns.

Wir zelebrieren die Vereinigung der Gegensätze! Das ist der Akt. Wenn wir darin die Vereinigung aller Gegensätze sehen; wenn wir dies tatsächlich so empfinden, es so realisieren – Du und Ich, das Ich und das Nicht-Ich, Shakti und Shiva. Wenn wir uns in diesem Bewusstsein vereinigen, werden wir dadurch in unserem Bewusstsein ganz, wenigstens für die Sekunden, Minuten, vielleicht auch Stunden der Vereinigung. Mit wahrscheinlich einiger Wirkung auch für die Zeit danach, in der wir dann wieder körperlich getrennt sind. Dann war es ein heiliger Akt, ein Sakrament und ist damit unendlich viel heiliger als das, was in den traditionellen Religionen Sakrament genannt wird. Denn dort, in den religiösen Traditionen, werden die Sakramente meist meist nur routiniert vollzogen; vorschriftsmäßig, aber seelenlos, ohne den Atem des Bewusstsein von seinem tiefen Sinn. Der darin besteht, damit ins Bewusstsein der Ganzheit einzutauchen – ins mysterion, wie die alten Griechen es nannten, was die Lateiner dann als sacramentum übersetzen.

 

Sugata (Wolf Schneider), Gründer und ehemaliger Herausgeber der Tantra Specials und des Tantra-Newsletters.

 

Webseite: www.connection.de

Email: sugata@connection.de

Anstehende Veranstaltungen mit Wolf Sugata Schneider: http://bewusstseinserheiterung.info/mein-angebot/index.html

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Wolf Schneider

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium generale an der Uni München. 1976 buddh. Mönch in Thailand. 1977 Initiation durch Osho. 1979-81 Ausbildung durch Veeresh. Gründung der spirituellen Gemeinschaften Divya Ashram (1980) und Connectionhaus (1991). 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection Spirit und der Connection Tantra Specials. Seit 2007 Theaterspiel, Kabarett und Humorworkshops.

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