Die drei tantrischen Bewusstseinsfelder im Alltag

Wie wir in der Alltagswelt agieren und reagieren wird maßgeblich von unserem aktuellen Bewusstseinsstand beeinflusst. Also, wie bewusst wir unser Sein wahrnehmen und wie wir uns selbst in den Facetten und Einflüssen dieser Welt sehen. Wobei ein Bewusstseinsstand nichts fest zementiertes ist, sondern sich ständig im Wandel befindet. Wichtig ist, dass sich mit der Zeit eine Selbstregulation entwickelt, mit der wir erkennen, wenn wir einen schon erreichten Bewusstseinsstand verlassen, weil alte Muster wieder einmal zugeschlagen haben.

Die gleichen Erfahrungen werden bei unterschiedlichen Bewusstseinsstand auch unterschiedlich bewertet. Menschen auf dem tantrischen Weg stellen oft fest, dass sich ihre Sicht auf viele Dinge mit der Zeit ändert. Was früher noch tabubehaftet war, ist heute ein Schritt in die persönliche Freiheit.

In den tantrischen Schriften wird die Bedeutung des jeweiligen Bewusstseinsstands besonders betont. “Die bösen Taten, für die der eine in der Hölle schmort, sind die gleichen wie die, durch die der Yogi Erlösung erlangt.” heißt es beispielsweise im Kularnava Tantra.

Im traditionellen Tantra werden die Menschen, die sich auf dem tantrischen Weg befinden, nach ihren „Eignungen“ in drei Bewusstseinsstufen unterschieden:

– Dem „Pashu“ (Tier), der am Anfang seines tantrischen Bewusstseinsweges steht und noch stark seinen Leidenschaften, Mustern und Trieben verhaftet ist.

– Dem „Vira“ (Held), der bereits eine persönliche Entwicklung durchlaufen hat und fähig ist, sich selbst zu regulieren. Er ist nicht mehr Opfer seiner Emotionen und Instinkten, sondern erkennt, dass die Welt voller Lernerfahrungen ist.

– Dem Divya (Gottmensch), der sich überwiegend auf höheren Bewusstseinsfeldern bewegt und sich von weltlichen Dingen nicht mehr beeinflussen lässt, also quasi den Zustand der „Erleuchtung“ erreicht hat.

Der Tantralehrer David Deida hat auf der Grundlage dieser klassischen Unterteilung drei Bewusstseinsstufen für zwischenmenschliche Beziehungen beschrieben, die unserem westlichen Verständnis näher sind.

Wir haben uns in den letzten Jahren sehr intensiv mit beiden Modellen beschäftigt, weil wir die Kraft und Energie sehen, wenn man sich bewusst ist, in welcher Ebene man sich gerade bewegt. Wir bezeichnen sie als „Bewusstseinsfelder“, weil sie nicht wirklich exakt abgegrenzt sind, sondern sich überlagern. Gerade am Anfang eines bewusstseinsfördernden Wegs kann sich das Feld ständig ändern.

Das Bewusstseinsfeld „Ich“

Nach unserer Geburt befinden wir uns komplett im ersten Bewusstseinsfeld. Wir brauchen andere Menschen, vor allem unsere Mutter, um überleben zu können. In einem intakten Umfeld lernen wir  immer mehr für uns zu sorgen und Eigenverantwortung zu übernehmen, aber auch die Bedürfnisse anderer Menschen zu respektieren.

Dennoch gibt es immer wieder Situationen als erwachsene Menschen, bei denen wir vieles auf uns selbst beziehen, uns ohnmächtig fühlen, Mangel verspüren, andere Menschen benutzen und unsere eigene Verantwortung nicht 100%ig übernehmen. Wenn uns dies bewusst wird und uns entsprechende Lösungswege zur Verfügung stehen, können wir uns selbst regulieren und in ein höheres Bewusstseinsfeld wechseln.

Im Nachfolgenden einige typische Denk- und Verhaltensweisen aus dem ersten Bewusstseinsfeld:

– Armutsbewusstsein: Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden, Geld zu haben usw., Ich darf mir nichts gönnen.

– Opferhaltung: Mein Partner, mein Chef, die Gesellschaft ist schuld, dass ich ….,

– Äußerlichkeiten: Mein Aussehen bestimmt ob ich geliebt werde. Nur wenn ich schlank, gut geschminkt, teuer gekleidet, braun gebrannt, muskulös usw. bin, bin ich etwas wert.

– Sex & Erotik: Beim Sex suche ich vor allem meine eigene körperliche Befriedigung. Ich setze meine körperlichen Reize bewusst ein, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

– Liebesbeziehungen: Mein Partner ist die Quelle meines Glücks. Er bietet die Sicherheit, die Geborgenheit, den Sex, den ich brauche.

– Ängste: Damit ich meine eigenen Ängste verdrängen kann, mache ich Andere für Missstände verantwortlich.

Das sind natürlich sehr plakative Statements, aber sie geben einen Einblick in eine Bewusstseinsebene, in dem der Mensch alles auf sich selbst bezieht. Wenn wir uns selbst dabei erwischen, wieder einmal in die Denkweise des „Ich“-Bewusstseinsfeld abgerutscht zu sein, können wir uns daran erinnern, dass wir auch schon andere Sichtweisen kennengelernt haben bzw. anderslautende Erkenntnisse hatten.  Meist wissen und akzeptieren wir dann auch, dass es hilfreich ist, Unterstützung in Anspruch zu nehmen (Gespräche mit Freunden, Beratung, Therapie).

Problematischer kann es sein, wenn wir mit Menschen zusammen sind, sei es in einer Partnerschaft, als Arbeitskollege oder als Freunde, die sich überwiegend im Ich-Bewusstseinsfeld aufhalten und sich weder von sich aus noch auf Anraten anderer, weiter entwickeln wollen. Aus ihrer Sichtweise haben sie sowieso Recht und zimmern sich ein Weltbild, dass ihrem Bewusstseinsfeld entspricht. Da es mit diesen Menschen auf Dauer keine Fortentwicklung geben wird und sie meist auch Energieräuber sind, ist oft die einzige Lösung, sich von ihnen zu trennen.

Das Bewusstseinsfeld „Du“

Im zweiten Bewusstseinsfeld nehmen wir andere Menschen differenzierter war. Wir sehen, dass sie, genauso wie wir, einfach nur glücklich sein wollen. Wenn jeder dem anderen seine Wünsche und Bedürfnisse zugesteht, können wir uns darüber austauschen und Vereinbarungen treffen. Wir können uns aber auch abgrenzen und das beim Gegenüber lassen, was zu ihm gehört. Wir lernen unsere Bedürfnisse immer besser kennen und wie wir dafür eintreten können.

Das Bewusstseinsfeld „Wir“

Wir nennen dieses Bewusstseinsfeld auch den „inneren und äußeren tantrischen Raum“. Hier steht nicht mehr das „Ich“ und das „Du“ im Vordergrund, sondern ein gemeinsames Erleben von etwas, was größer ist, als wir selbst und dass sich durch uns ausdrücken möchte. Wir stellen uns dann nicht mehr die Frage: „Was kann ich erhalten“, sondern „Wie kann ich der Gemeinschaft dienen, was kann ich geben, damit wir das gemeinsame Feld anheben und größtmögliche Fülle erleben können“. Um in das „Wir“-Bewusstseinsfeld eintauchen zu können, ist es wichtig,  ein Umfeld schaffen, in dem der jetzige Moment aus dem Alltag angehoben wird und wir in ihn hinein entspannen können. Ein probates Mittel dafür sind beispielsweise Rituale, spirituelle Lehren oder Meditationen.

Als „nicht erleuchtete“ Menschen wechseln wir von Moment zu Moment zwischen den drei Feldern, wobei mit der Erweiterung des Selbsterfahrungsradius die Verweildauer im ersten Feld immer kürzer wird. Die Crux ist, dass man sich der höheren Felder erst bewusst wird, wenn man diese kennen gelernt hat. Deshalb empfehlen alle bewusstseinserweiternden Lehren, die eigene Komfortzone zu verlassen und über den Tellerrand hinaus zu schauen.

 

Text: Ralf Lieder & Anke Felice Pospiech

Website: www.himmlisch-lieben.de

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Ralf Lieder

Anke Felice Pospiech und Ralf Lieder sind Tantralehrer, Paartherapeuten und Rebirther mit Praxen und Seminarräumen in Krefeld und Mönchengladbach. In ihrem Himmlisch Lieben-Institut bieten sie Seminare und Beratungen für Paare und Einzelpersonen auf Grundlage des westlich-therapeutischen Tantra an. Eine Anbindung an das traditionelle Tantra besteht über den balinesischen Ashram "Munivara" und dem Tantra- und Yoga-Meister Sri Jaya Sakti. Ihr Lieblingsprojekt sind die Tantraurlaube, mit denen Sie dreimal im Jahr auf besonders kraftvollen Inseln (Bali, La Gomera und Korfu) Tantraseminare mit Urlaub verbinden. Im Falle von Bali verbunden mit einem Besuch bei dem oben erwähnten Ashram in Junjungan.

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