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„Wir Männer täuschen uns beim Onanieren einen Orgasmus vor“, bemerkt der Schauspieler Joachim Krol im Film Keiner liebt mich von Dorris Dörrie aus dem Jahr 1994. Offensichtlich war es damals schon Diskussionsthema, dass Männer, wenn sie ejakulieren, die heilende Kraft und die Wonnen der ganzkörperlichen Orgasmen eher verpassen, entgegen dem Vorurteil, dass in konservativen wie auch modernen, liberaleren Kulturen eher die Frauen Ogasmusschwierigkeiten hätten.

Wilhelm Reich

Wir modernen „Menschentiere“, wie uns der Sexualwissenschaftler Wilhelm Reich nannte, sind seiner Ansicht nach in überwiegender Mehrheit orgasmusgestört, vor allem als Folge erlittener Traumata in der Kindheit. In strengen, leistungsorientierten und lustfeindlichen Gesellschaften haben wir kaum Chancen, in der Adoleszenz wie im Erwachsenenalter, unsere Körper ausreichend zu entspannen, um die Intensität ganzkörperlicher Orgasmen überhaupt erleben zu können. Diese partielle Anorgasmie der Menschheit ist für Wut, Konflikte aller Art, für Kriege und Diktaturen verantwortlich (siehe Wilhelm Reichs gut recherchiertes Werk Massenpsychologie des Faschismus).

Unsere Körper seien „gepanzert“, so bezeichnet Reich die Verspannungen der tief liegenden Muskeln im ganzen Körper. Um diese Muskelgruppen im Kopf, Hals, im Brustbereich, im Bauch umd im Becken zu entspannen, gibt es die verschiedensten körpertherapeutischen Ansätze. Zum Beispiel Bioenergetik, Holotropes Atmen, Yoga Asanas, Entpanzerungsworkshops, Massagen. Auch die vom Tantralehrer Andro entwickelten Massageformen, die Yin Yang Massage und die Tantramassage sind zu empfehlen.

Ich möchte an dieser Stelle einen anderen Aspekt unseres Themas beleuchten, den Geist und das Herz in Bezug auf unsere Orgasmen. Unsere Überzeugungen, unser Alltagsdenken, unsere Alltagsgewohnheiten und auch unser tagtägliches Lebensgefühl sind wesentlich dafür verantwortlich, wie tief wir unsere Orgasmen erleben.

Selbst unsere moderne, freiheitlich demokratische Gesellschaft hat eine unbewusste Angst vor orgastischen oder gar ekstatischen Zuständen, tragen wir doch immer noch im Unbewussten epigenetisch vererbte – traumatische Spuren der Jahrtausende alten Verteufelung sexueller Lust, der libidinösen Freuden des Körpers und des Herzens.

„Jeder schleppt seinen eigenen Tango mit sich herum“, sagt ein argentinischer Tänzer im Film Tango Berlin von Cordula Hildebrandt. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir ihm Recht geben:  Leiden wir nicht die überwiegende Zeit unseres Lebens, zumindest partiell, an Liebeskummer? Fühlen uns nicht respektiert, nicht genug verstanden, nicht leidenschaftlich genug geliebt, nicht sexuell tief begehrt oder … von gierigen Menschen, die grosse Ansprüche an uns haben, sexuell oder auch emotional zutiefst bedrängt? Dazu der Stress am Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen, Stress bei der Kindererziehung, um nur einiges zu nennen, überschattet vom ewig über uns schwebenden Damoklesschwert, der Angst des Verlassenwerdens. Ein sattes Zufriedenheitsgefühl ist dann für uns oft schon gut genug, wir sind dann zumindest der Depression entkommen.

Doch wie kommen wir da raus?   

Mein Vorschlag ist die radikale Verliebtheit. Der Weg des Herzens, so wie er im linkshändigen Tantra gelehrt wird, könnte unsere Gesellschaften grundlegend positiv und nachhaltig verändern.

Den Rausch der Sinne können wir erfahren, wenn…

  • wir uns erlauben, uns ganz verletzlich zu machen,
  • wir uns erlauben, Liebe und Lust als eine Einheit zu betrachten,
  • wir die Heiligkeit unserer Körper und unserer Herzen anbeten,
  • wir unsere Genitalien mitsamt ihren Lustsäften genau so bedingungslos lieben, wie unsere Sexualpartner und deren Lustverlangen auf uns und Andere, frei von Scham, Habgier oder Eifersucht …
  • und uns in vertrauten Situationen erlauben, uns von der Kraft der lustvollen Ozeanwellen fortreissen zu lassen … uns einer höheren liebenden Macht überlassen und leiten lassen.

Sind wir in intimen, innigen Situationen sehr präsent, können wir diese liebende Essenz in unserem Herzen spüren… und wenn wir die Angst vor Kontrollverlust aufgeben, können wir intensive Höhenflüge erleben.

Dabei spielt „Slow Sex“ eine genauso wichtige Rolle, wie der wilde, schnelle Ritt unserer umschlungenen Köper. Yin und Yang sind einander gegenseitig inspirierende Anteile des sexuellen Erwachensprozesses.

In meinen berauschten Herzenszuständen während eines Liebesspiels, einem Maithunaritual oder beim Empfangen einer Tantramassage erlebe ich, wenn ich mir erlaube, selbstvergessen zu sein, die liebende Verbundenheit mit Allem, tiefe Selbstliebe, Zuversicht und grossen Kreativitäts- Mut- und Kraftzuwachs.

Und nun möchte ich einen anderen, unsere Emotionen betreffenden Aspekt der Thematik ansprechen: Jeder Moment meines Lebens, in dem ich jemandem gegrollt habe, hat mich meilenweit von meiner Lust und meiner Herzoffenheit entfernt. Vergebung wurde für mich immer mehr der zentrale Schlüssel, um mich ganz und gar im Sex fallen lassen zu können. Aus unzähligen Vergebungsprozessen, bei denen ich Menschen begleitet habe, weiss ich, dass es anderen Menschen genau so geht. Fließen erst einmal Tränen der Verletztheit, der Betroffenheit und später der Versöhnung, fühlen sich die Menschen viel offener für die Höhenflüge ihrer Herzen und ihrer Lust. (Ein interessantes Buch, welches sich mit Schuldthemen und Vergebungsprozessen beschäftigt, heisst Jenseits von Gut und Böse und wurde vom Philosophen und Aufklärer Michael Schmidt-Salomon geschrieben.)

Vertrauen ist ein nächster wichtiger Schlüssel zur herzensberauschten Lustentfaltung. Wir sind alle Kriegsenkel, Nachkommen von Menschen, die in ihrem Leben sehr gelitten haben und können, je intimer eine Situation wird, umso weniger vertrauen … können uns dann umso weniger einer Situation anvertrauen, selbst im Liebesspiel mit unseren Lebenspartnern, mit unseren Lieblingsmenschen, mit der Liebe unseres Lebens.

Eine streng monogame Lebenshaltung ist jedoch kein Garant für tiefes Vertrauen. Verlassensangst wirkt hier besonders stark. Verliere ich diesen einen Menschen, der bisher mein Vertrauen „verdient“ hat, werde ich einsam. Es braucht dann beim nächsten Partner eine gehörige Portion Selbstliebe und Mut, um nochmals vertrauen zu können.

Dabei könnte es so einfach sein. Die Forschungen im Zusammenhang mit dem Vertrauens-, Kuschel- und Liebeshormon Oxytozin haben es gezeigt. Vertraue ich und kommuniziere es auch, beginnt mein Gegenüber auch mir zu vertrauen.

Sexuell offene Gemeinschaften sind zu fördern, Freundeskreise, Mehrfachbeziehungen, in welchen die Menschen bereit sind zu lernen, einander gegenseitig zu vertrauen … Schritt für Schritt, Kuss für Kuss, Wonne für Wonne.

Das turboscharfe Gewürz für eine gelungene Beziehung und auch für jeden gelungenen Sexualakt mit multiplen Orgasmen oder gar ekstatischen Bewusstseinszuständen ist die Poesie des Herzens, die uns auf jeder erdenklichen Ebene spirituell transformiert.                                                                          

Wir sind alle auch Märchenprinzessinnen und Märchenprinzen, wollen von jemandem, der uns zutiefst liebt, aus unserem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden… es könnten auch mehrere Menschen sein, Männer wie Frauen. Von jedem Menschen, dem wir sexuell begegnen, können wir lernen. Jeder schleppt einen anderen Tango mit sich herum, aber auch einen anderen kreativen Zugang zu seiner Liebeslust – einen anderen Aspekt der orgasmischen Hingabefähigkeit. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen latent bisexuell und liebevoll promiskuitiv sind. (Um all diese Gedanken besser nachvollziehen zu können, ist mein Buch Hautgeflüster, der zärtliche Weltfrieden zu empfehlen, oder auch das Buch der beiden Sexualwissenschaftler Christopher Ryan und Cacilda Jetha mit dem Titel der deutschen Ausgabe Sex, die wahre Geschichte).

Wir wollen angebetet werden mit süssen Worten und Taten, welche unseren göttlichen Kern verehren, unsere Essenz wachküssen, unsere Freiheit und Selbstliebe fördern, angebetet werden von Menschen, die für uns in ihren Herzen immer wieder neue Liebesgedichte schreiben, neue Liebeslieder komponieren und für uns im Alltag da sind, gemeinsam Kinder und Haushalt rocken in einer bedingungslos fürsorglichen Haltung. Das Leben ist Poesie, Schönheit, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Abenteuer zugleich.

Verliebe dich also ganz romantisch, poetisch in dich selbst, in deinen Körper, in deine Sehnsucht, in Menschen, in die atemberaubende Schönheit der Natur, in dein Leben. Trage dazu bei, dass zwischen allen Beteiligten immer mehr Frieden gelebt werden kann und die Bereitschaft zur gemeinsam gestalteten und täglich erlebten Lebensfreude und Klarheit des Geistes die Basis für alles Weitere bilden. Oftmals sind unsere Lebenskonzepte und Lebensstrategien viel zu verkopft, es fehlt die poetische Berauschtheit an der Schönheit der Existenz. Wenn wir so drauf sind, werden die Wellen unserer Orgasmen flach bleiben und wir werden von den vermeintlichen Sachzwängen der Welt beinahe erschlagen.

Wenn wir im tiefen Zustand der verliebten, poetisch anbetenden Verehrung Menschen sexuell begegnen, können sich nach und nach die Wunder des transformatorischen Herzensprozesses entfalten. Allein ein erster zärtlicher, ein sehr zarter inniger Handkuss kann in uns erste Schauer der Lust hervorzaubern und sich weiter entfalten, wenn wir mit jeder Faser unseres Körpers und unseres Herzens ganz zum Kuss werden, ganz zur Hand werden.

Erstaunliche multiorgastische Erfahrungen sind für Männer durch den partiellen Verzicht, durch das Hinauszögern ihrer Ejakulationen erfahrbar. Sie sollten lernen, ganz lange auf diesen für viele Männer oft eher flüchtigen Moment zu verzichten, damit ihre sexuelle Erregung über Stunden oder gar Tage nach und nach ansteigt und auch gehalten werden kann. Für Frauen gilt es ebenso, wenn sie sich bei ihrem lustvollen Flow viel Zeit lassen.                                                                              

Unsere Körper werden durchströmt von Glückshormonen (es sind hauptsächlich Oxytozine und Dopamine aber auch viele andere gesundheitsfördernde Stoffe)  … unser Nervensystem, unser Herz und unser Gehirn vibrieren voller Glück, Zuversicht, Liebe und Abenteuergefühlen. Es entsteht der kreative Prozess unserer spirituellen Transformation.                                                                 

Wir werden zu liebenden, lusterwachten Denkern und gestalten unsere Welt aus der Poesie unseres Herzens. Wir schöpfen aus der Fülle unserer Sinne, aus der tiefen unterscheidenden Weisheit heraus, die nicht verurteilt, sondern teilhaben lässt am gemeinsam erwirkten Glück aller.

Zum Schluss möchte ich eine tantrische Philosophin aus dem achten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung zitieren, Sahajayogini hat sie sich selbst genannt und beschrieb einen sexuellen Erwachensprozess in ihrer philosophischen Abhandlung mit dem Titel:

Die Erkenntnis der Wirklichkeit durch körperliche Bewegung

„… Beide sind durch einen Strom von Vorstellungen gebunden, die im Geist entstehen und aufsteigen. So lange sie aber vereinigt sind, wird ihr Geist an nichts anderes denken – sie sind allein der Wonne gewahr.

Durch den Geschmack des Verlangens weiß man allmählich nicht mehr, wer der andere ist und was einem selbst geschieht. Die Liebenden erfahren unaussprechliche Seligkeit, wie sie es nie zuvor erlebt haben.

Leidenschaftlich seufzend werden beide [Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau], unabgelenkt durch irgend etwas anderes, überströmende, unübertreffliche Wonne erlangen und sie noch steigern.

Sie erwachen aus dem Dunkel der Unwissenheit, indem sie sich an den reichen Aktivitäten der Glückseligkeit erfreuen und Seligkeit und Wonne entwickeln und steigern.

Die menschliche Wonne mit ihren besonderen Merkmalen, ist eben das, was zu spiritueller Ekstase wird, wenn ihre Merkmale beseitigt sind, frei vom begrifflichen Denken, die Essenz der selbst erscheinenden Weisheit in sich.

Wenn man die Paläste der Sinnesorgane betritt und die wundervollen Ekstasen erfährt, nimmt eben diese Welt den einen Geschmack spiritueller Ekstase an. Die heilige Glückseligkeit wird durch Wonne gefestigt, durch höheres Entzücken am Glück der anderen … „

Dieser Text ist in der Blütezeit des tantrischen Buddhismus in Indien entstanden, in einer Zeit, in der Frauen die damalige indische Tantraszene dominierten, Tantraschulen gründeten und ihre eigenen Erfahrungen von tiefen, spirituell transformierenden sexuellen Ekstasen beschrieben. (siehe Miranda Shaws sehr gründlich recherchierte historische Sachkenntnis in ihrem Buch: Erleuchtung durch Ekstase – Frauen im Tantrischen Buddhismus)

Text: Saranam Ludvik Mann

Webseite: https://diamond-lotus.de/

Orgasmen und sexuelle Ekstase – Lob der ekstatischen Intelligenz
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