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Was darf Tantra kosten?

Dieses Thema ist erst seit kurzem für mich von ökonomischer Relevanz, da ich erst seit etwa zwei Jahren traditionelles (Hindu-)Tantra „öffentlich“ – also in Workshops – unterrichte. Zuvor praktizierte ich Tantra seit 1986 nur für mich selbst mit befreundeten TantrikerInnen und erwirtschaftete meine Brötchen auf andere Art und Weise. Es liegt nahe, dass ich versuche, das Thema „Geld einnehmen mit Tantra“ in Übereinstimmung mit dem bisherigen „Geld ausgeben für Tantra“ bringen möchte.

Zunächst möchte ich vorausschicken, dass Tantra für mich eine spirituelle Disziplin ist. Ich betrachte es aus der Sicht des traditionellen Tantras weder als Therapie, noch als Erotikschule oder Massagemethode. Dennoch ist es natürlich wahr, dass auch das traditionelle Tantra oft emotional konfrontierend ist, den Schüler unter Umständen erotisch befreit bzw. auch Massage dabei zur Anwendung kommen kann. Als ich mich als junger Mann auf die Suche nach einem spirituellen Weg, einem Meister oder einer Schule machte, kamen die ersten Leute mit orangenen Kleidern von Rajneesh (später: Osho) aus Poona zurück. Ich war misstrauisch. Ich mochte keine Uniformierung, noch schien es mir sinnvoll, viel Geld für Kurse auszugeben, von dem ein indischer Philosophieprofessor sich dann Rolls Royces kauft.

Ich stellte also für meine Suche die Regel auf, kein Geld für spirituelle Unterweisungen zu zahlen. Bis auf wenige Ausnahmen – z.B. wenn ich wirklich unbedingt eine/n LehrerIn kennen lernen wollte, dies aber nur per Workshop möglich war – bin ich damit auch meist sehr gut gefahren. Eine Ausnahme bildeten Körpertechniken wie Yoga, T’ai Chi oder Massage. Keine/r meiner LehrerInnen und Gurus hat jemals Geld von mir eingefordert. Ich gab oft etwas auf Spendenbasis … vor allem in Indien im Ashram.

Man muss nun wissen, dass die ganze Workshopkultur mit Seminarzentren und Jahrestrainings eine Erfindung des 20. Jahrhunderts insbesondere des Westens sind. In der Tradition der indischen Gesellschaft – aber auch anderer asiatischer Länder – gab und gibt es Einrichtungen wie den Gurukul. Dies betraf und betrifft nicht nur die Spiritualität, sondern jede Form der Lehre. Wenn man als SchülerIn akzeptiert wurde, wurde man Teil der Familie des Gurus … und umgekehrt. Es ging dabei nicht um Geld oder Einkommen. Auf der anderen Seite war und ist es selbstverständlich, dass man den Guru existentiell nicht im Regen stehen lässt, was viel weiter geht als „Bezahlung“. Wenn der Lehrer oder die Lehrerin anklopfte, so liess man ihn/sie herein … ins eigene Haus, in die eigene Familie, ins eigene Leben … und fragte nicht, wann er/sie wieder geht.

In diesem Sinne erlernte ich Spiritualität in meinem Leben. Ob bei wöchentlichen Meditationsabenden der Sufis, ob bei Besuchen bei meiner Lehrerin in der Schweiz oder bei Gesprächen mit meinem Meditationsguide in den Niederlanden: Ich habe niemals etwas bezahlt und der Unterricht fand meist in der Privatwohnung der Lehrenden statt. Auch meine LehrerInnen kamen aus dieser Tradition der kostenlosen Unterweisung. Ich kann mich im Gegenteil erinnern, dass einer meiner wichtigen tantrischen Gurus, ein Nath Yogi, bemerkte, dass ich nur wenig Geld hatte und mich deshalb einlud, bei ihm im Vorzelt auf der Mahakumba Mela zu schlafen und mit seiner Bruderschaft kostenfrei zu speisen.

Wie schon zuvor gesagt: Keine/r meiner LehrerInnen lebte vom Unterrichten.

Ich bin schon seit vielen Jahren Yogalehrer; zunächst nebenbei und im Laufe der Zeit immer mehr. Auch gebe ich ab und zu Massagen, jedoch keine erotischen. Für diese Tätigkeiten verlange ich ein Honorar. Wir leben nicht in Indien oder in einem anderen asiatischen Land, wo man als Yogi, Mönch, Sadhu oder Derwish quasi Narrenfreiheit geniesst und von der Gesellschaft irgendwie mitgetragen wird. Daher müssen wir die Spiritualität in unser marktwirtschaftliches System integrieren. Wir können nicht gratis unterrichten, wenn wir dies hauptberuflich oder auch nur zu einem relevanten Teil nebenberuflich tun. Ich habe daher in meiner Arbeit als Tantralehrer eine Grenze, eine Linie festgelegt.

Es gibt im traditionellen Tantra einen Teil der Lehre, der sich vollständig in der privaten Beziehung zwischen LehrerIn und SchülerIn abspielt. Dieser Teil widmet sich der Meditation, der Einweihung in bestimmte Techniken und Methoden, die nicht für einen grösseren Kreis bestimmt sind und dort auch keinen Sinn machen würden, sowie dem Erlernen und Praktizieren tantrischer Rituale. Hierfür ist eine persönliche Lehrer-Schülerschaft notwendig, die auf Anfrage des/der SchülerIn beruht. Für diesen Teil erwarte ich von meinen SchülerInnen keine finanzielle Kompensation. Das Commitment, welches dafür nötig ist, ist jedoch enorm.

Es gibt jedoch auch eine Wissensübertragung, die in einem grösseren Rahmen stattfinden und theoretisch unterrichtet werden kann. Diese richtet sich auf die praktischen Dinge des Lebens, auf die unterliegende Philosophie, erotische Übungen und den körperlichen Yoga. Dies unterrichte ich in Kursen, die für alle offen sind und dafür veranschlage einen Preis, den ich so moderat wie möglich halte. Ich versuche in diesen Workshops eine maximale Teilnehmerzahl von 15 Leuten nicht zu überschreiten, damit ich trotz der Gruppensituation noch individuell auf die Einzelnen eingehen an.

Auf diese Art und Weise glaube ich, die finanzielle Ethik, mit der ich selbst unterrichtet wurde, zeitgemäss zu erhalten. Es gibt jedoch eine einzige Ausnahme: Wenn jemand wirklich lernen will und nicht über die wirtschaftlichen Möglichkeiten verfügt, dann kann er/sie auch zu einem reduzierten Preis oder auch gratis teilnehmen. Ähnliches sehe ich auch bei vielen anderen Tantralehrern und spirituellen Schulen.

Meines Erachtens gibt es kein spirituelles Eigentum, was man verkaufen oder vermarkten könnte. Es gibt nur den Wert der Zeit, in der ich mich als Lehrer zur Verfügung stelle. Es stellt sich also lediglich die Frage, wie hoch der Wert meiner Zeit ist.

Text: Johannes Bönig

Webseite: www.tantrayoga.site

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