Tantra zu zelebrieren heißt, restlos Allem zu begegnen, was ist!

Die vom Tantra-Netz gestellte Frage nach der Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Seminare möchte ich ganz klar mit Ja und Nein beantworten.

Wir brauchen dringend Gruppen in denen die Geschlechter wieder lernen sich unpathologisch, individuell, herzoffen, wohlwollend und sexuell zu begegnen.

Die Begegnung zwischen Shiva und Shakti soll uns ein Fest sein und nicht Kampf zum Stillen von Bedürftigkeiten oder vorwurfsvolle Schuldsuche alter Kindheitsverletzungen.

Es ist ebenso wichtig seine eigene Identität und Geschlechtlichkeit in Gruppen unter Seinesgleichen zu heilen, auszuprobieren und ganz anzunehmen.

Nicht nur um gestärkt daraus hervor zu gehen und dem Gegengeschlecht freudig zu begegnen, sondern um ganz unabhängig davon die Begegnung unter Männern und unter Frauen als das anzunehmen, was sie ist: eine weitere wunderbare Möglichkeit im tantrischen Rahmen jeden Menschen als Spiegel zu schätzen und zu lernen nichts abzulehnen was möglich ist.

Die Begegnung zwischen Frau und Frau und zwischen Mann und Mann soll im Tantra keine Ersatzhandlung sein, weil ein gegengeschlechtliches Gegenüber gerade nicht zur Verfügung steht. Es darf gleichwertig neben der Shiva-Shakti-Begegnung stehen und von jedem, der es mit der tantrischen Erweiterung ernst meint, auch als bereichernde, anzustrebende Begegnung gefeiert werden. Keine der Gruppen – weder gleichgeschlechtliche noch gemischte – sollten aber neben ihrem unbestreitbar wichtigen, heilenden Selbsterfahrungshintergrund zum angstvollen Verhinderer der erweiternden Begegnung werden.

Die Konfrontation mit dem (aus der eigenen Geschichte heraus definiert) weniger erwünschten Geschlecht wird aus Bedürftigkeit und der Wunschvorstellung wie es zu gehen hat, zur unbeliebten Ersatzhandlung entwertet oder in eine Angstbegegnung gewandelt. Tantra zu zelebrieren bedeutet nicht, sein Bedürfnis nach Zuwendung, Liebe und Sexualität am gegengeschlechtlichen Gegenüber konsumierend zu stillen oder es auf der Gegenseite angstvoll zu vermeiden, indem in gleichgeschlechtlichen Gruppen verblieben wird.

Tantra macht es möglich gestärkt, souverän, selbstbestimmt und satt an den Tisch des Rituales zu kommen, um die volle Verantwortung zu sich zu nehmen, ohne einen ständigen Widerstand, eine Opferrolle oder ablehnende Schuldzuweisung zelebrieren zu müssen.

Wir brauchen geschlechterspezifische Angebote, um jedem Menschen der sich in diesen modernen Zeiten tantrisch nennen will, die grundsätzlichen Wesenszüge des Tantra nahe zu bringen, die eine gleichgeschlechtliche Begegnung als völlig normal und sogar in ihrer sexuellen Art als generell anstrebenswert beleuchten,  um sich in seinem Erfahrungshorizont ein ganzes Leben lang zu bilden und zu erweitern, Liebe wachsen zu lassen – weit über das hinaus was der normale Bürger die Liebe zwischen Mann und Frau nennt.

Sich als Mann unter Männern zu erkennen und als Frau unter Frauen zu sein, lässt sich im Anschluss in den gemischten Gruppen mit spirituellem Gold aufwiegen, wenn der Teilnehmer seine ernsthaft gewollten Schritte in die Identifikation gemacht hat, denn nur dann kann er sie im zweiten Schritt auch abstreifen und sich ohne Widerstand als Teil eines Ganzen erfahren.

In meiner eigenen Identität ist es für mich als Tantrika hinfällig zu überlegen, ob ich lieber Männer oder lieber Frauen begegne und ob ich hetero, bi oder lesbisch bin.

Ich darf meine Vorlieben haben und sie auch allezeit ändern oder anpassen ohne mit beliebigen Begegnungen außerhalb dessen Probleme zu bekommen.

Soll und darf es im Tantra doch sowieso mit jedem Menschen gehen, die individuelle Begegnung eine ganz besondere sein und keiner muss sich deswegen in irgendein Kästchen sperren lassen. Anzunehmen was ist und ganz im Moment zu verweilen bedeutet, sich keinerlei Gedanken darüber machen zu müssen, ob ich nun monogam, polygam oder irgendetwas sonst bin. Meine Liebe da fließen zu lassen wo sie schon hin kann, zu wem auch immer und wann auch immer, nämlich genau dann, wenn dieser Moment gekommen ist, ist mein Zugang dazu, letztendlich mit jedem Menschen gleichermaßen in bewusster Liebe zu sein.

So kann ich im einen Moment völlig ohne eine Wertung im Kopf unter Frauen lieben was es dort zu leben gibt, ohne eine lesbische Frau zu sein. Das gleiche kann der moderne Mann lernen, wenn es für ihn auch einiges schwieriger ist durch sein gesellschaftlich anerzogenes Rollenbild. Ich kann in einen Moment die monogame, herzerfüllte, unendliche Liebe fühlen und im anderen Moment die per se polygame, geschlechterübergreifende Einstellung des Tantra leben, ohne mich über sie definieren zu müssen.

Das ist es, was mich an der tantrischen Lehre immer schon fasziniert hat: sie schließt nichts und niemanden aus. Stets kann ich sagen „und das bin ich auch“, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen oder mich selbst und mein Ego in Stein zu meißeln.

Für Menschen mit abweichender Geschlechtlichkeit und abweichendem Identitätsempfinden gilt das Gleiche wie für Menschen die sich stressfrei als Mann oder Frau definieren:

Es gilt zu erkennen, dass jegliches Starrwerden und Anhaften im Leben Leid und Probleme vergrößert.

Sich durch seinen externen Beobachter zu üben, das Leben authentisch und selbstverantwortlich zu durchschreiten, das Freiwerden und flexibel Mitschwingen bringt die Nichtbewertung des Aussens und der eigenen Person mit sich. Dann wird es leichter – gleich in welchen Gruppen und auch im Alltäglichen.

Ich befürworte geschlechtsspezifische Gruppen für Menschen innerhalb und außerhalb der Geschlechternormativität, aber genauso integriere ich sie voll in ganz normalen Veranstaltung für Menschen wie Dich und mich, wie Männer, wie Frauen, wie Transsexuelle, wie Werdernochs und Sowohlalsauchs.

Nur das Üben dessen was ist bringt uns Normalität im Umgang miteinander. Ein grundsätzliches Trennen schafft das nicht.

Es kommt vor, dass Menschen Veranstaltung nicht besuchen wollen weil sie bestimmten Arten von Mensch nicht begegnen wollen: der Transsexuellen … dem anderen Mann … dem Menschen, der herausfordert und einen Spiegel vorhält …

Meine Antwort darauf ist ganz eindeutig: annehmen oder seinlassen, denn das Leben ist vielfältig, nicht glatt gebügelt in entweder-oder.

Tantra darf immer sowohl-als-auch sein und alles dazwischen. Wer jemandem nicht begegnen möchte, der darf einen Umweg machen, so lange bis er seine Dinge erledigt hat und es dann kann oder es in dieser Inkarnation sein lässt, weil die Aufgabe zu groß erscheint.

Dies gilt für die Begegnung von Mann zu Mann genauso wie die Begegnung von Normativität zu Nichtnormativität.

Was ist, das ist – und bedarf keines Widerstandes und keiner Flucht eines Tantrikers.

Nur der Einzelne für sich darf selbstredend jederzeit entscheiden was er schon annimmt oder noch vermeiden muss.

In meinem Tantra hat das echte Leben Platz. Es ist kein Ghetto für Menschen, die es sich ersparen wollen hinzusehen. Hier kann dir alles begegnen: ein Mensch mit Brüsten und Lingam genauso wie ein einer mit Bart und Yoni. Es begegnet ein Mann einem Mann – sofern er es schon kann – keiner wird gezwungen. Es wird aber auch nichts weggepackt, nur weil es nicht ins Weltbild eines noch unbefreiten Kritikers passt.

Das Leben jenseits einer selbst gebauten Matrix ist nun mal ein ganz Besonderes. Es ist als Tantriker unvermeidlich sich mit allem auseinander zu setzen, was es zu bieten hat.

Als Lehrer ist es meine Aufgabe mich selbst zu prüfen und zu erweitern, um erwachsen und verantwortungsvoll zu leben. Dies gilt für sexuelle Dinge, wie auch in der Einordnung und Bewertung von Menschen und Umständen.

Das bin ich dem Tantra schuldig.

Alles in meine Verantwortung zu nehmen und nichts auszulassen, das kann ich in diesem Umfeld lernen wie nirgendwo sonst.

So verschone ich niemanden, weder die Männer vor den Männern, nicht die Trans*Menschen vor Ihrer eigenen Körpergeschlechtlichkeit und den unbedarften Teilnehmer nicht davor, dass Tantra ein Weg der Körperarbeit ist, der die Sexualität mit einschließt und nicht an irgendeinem Punkt stehen bleibt, wenn derjenige glaubt, dass sein Wohlfühlraum jetzt genug gefüllt wäre und ein weiterer Schritt eine zu große Gefahr in einem Raum bedeuten würde, in dem er sich nicht mehr auf gewohntes Terrain zurückziehen kann.

Mein Beitrag zu diesem Thema ist eine Einladung, sich zu besinnen was Tantra wirklich ist, so dass die Frage nach der Geschlechtlichkeit und Integration eigentlich für uns alle, die wir uns mit Tantra beschäftigen, gar keine sein sollte.

Einander zu begegnen – je erweiternder und vielfältiger desto besser – macht freier und undramatischer insgesamt.

Tantra ist keine Isolationsveranstaltung, sondern ein Gruppenereignis.

Fangen wir doch da an zu üben wo es schon passt und hören bitte dort nicht auf, wo es unbequem wird.

Die eigenen Beschränkungen zu erkennen, sie aus freien Stücken lösen zu wollen – bis die Welt als Spielraum des Seins komplett zu Verfügung steht – würde irgendwann die Einteilung in Männer- und Frauengruppen, normal und nicht normal, in Behinderte und Nichtbehinderte – und was wir uns sonst alles einfallen lassen, um uns selbst zu begrenzen und zu identifizieren – völlig ad absurdum führen.

Dann teilten wir nämlich endlich nur noch in das ein, was praktisch ist und Sinn macht; nicht in das was uns weniger ängstigt oder uns ungute Gefühle vermeiden lässt.

Von all den Dingen die verschiedene tantrische Richtungen voneinander lernen können, ist offensichtlich das Größtmögliche, was das Neotantra vom roten Tantra getrost in seine Veranstaltungen übernehmen kann:

Sich keine Zäune, Gruppen und Reglements neu zu erschaffen, die uns voneinander abtrennen statt herausfordern und in Liebe vereinen.

Das wahrhaftige Anerkennen und Annehmen verschiedenster Menschen ist für mich als Leiter sehr dringend notwendig, auch um mich wieder bewusster mit den Wurzeln meiner Lehre zu beschäftigen, anstatt mit dem was in meinen Gruppen gut ankommt, Geld bringt und Teilnehmer sichert.

Ehe ich als Seminarleiter von den Teilnehmern einfordere, die Menschen und Gegebenheiten anzunehmen, darf ich es selbst tun und meine Angst ablegen vor den Konsequenzen.

Wenn der Lehrer unfähig ist über den Tellerrand zu schauen und seine ungeklärten Themen zum Wesen seiner eigenen tantrischen Richtung macht, sich selbst und seine Teilnehmer unfrei und von Tantra nicht wirklich auf den Weg gebracht zurück lässt, frage ich mich, ob er stolz darauf sein darf es Tantra zu nennen oder ob ein anderer Name nicht ehrlicher wäre.

Ich fordere die Teilnehmer auf ihre Hausaufgaben zu machen, aber ebenso tantrische Leiter und Seminarveranstalter nicht unkritisch dem bequemen Mainstream zu folgen und in einer Art Wohlfühltantra das zu veranstalten was der Kunde gerade nehmen will (zum Beispiel ausschließlich gemischte Gruppen mit gleich vielen Männern und Frauen), sondern Tantra als eine lebenslange Berufung und Erweiterung des eigenen Selbst zu sehen, so dass der Leiter genau diese Möglichkeit auch meinen Teilnehmern bieten kann, ohne ihnen ein begrenzender Stein auf ihrem Weg zu sein, statt ein freier Wind, der ihre Welle gestärkt ins Meer einer größeren und universellen Liebe fließen lässt, in dem es keine Einteilungen mehr geben muss, sondern echte Begegnung stattfindet.

Text: Michaela Butsch-Magin
Webseite: www.anima-tantra.de

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Michaela Butsch-Magin

Michaela Faridéh ist Jahrgang 1967, Sternzeichen Schütze, Aszendent Skorpion, ganzheitliche Schönheitsberaterin und Tantralehrerin mit vielfältigen Ausbildungen im soliden Handwerk. Seit 2006 mit der Beratung ANIMA*PROJEKT spezialisiert auf die Belange transvestitischer und transidenter Menschen. Ausbildung zur Befree- und Tantralehrerin nach Andro, selbständiges tantrisches Arbeiten unter eigenem Namen (Abende, Seminare, Partyveranstaltungen, angeleitete Rituale und Massagen) im ANIMA*HAUS für gemischte Gruppen, Paare, Frauen, Männer und transidente Menschen. Verbindendes Zusammenarbeiten der verschiedenen tantrischen Richtungen im Sinne des eigenen Erlebens und Wirkens im ANIMA*HAUS sind ihr wichtig.

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