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Erstens bin ich persönlich betroffen von einem Bindungstrauma. Zweitens bin ich Psychotherapeutin. Drittens habe ich Tantra Erfahrung. Ich werde aus diesen Perspektiven über meine Erfahrungen mit „Trauma und Tantra“ berichten und über die Ableitungen, die sich daraus für mich ergeben: ich finde es wichtig, sich als Tantralehrer mit moderner Trauma Forschung gut auszukennen.

Die „Betroffenen“ Seite

Dass ich an einem Bindungstrauma leide, weiß ich erst seit gut einem Jahr. Natürlich war mir mein Problem bekannt „sich übertrieben und heftig in Beziehungen zu Männern zu begeben und dann nicht mehr loslassen zu können“ und Symbiose und Beziehung aggressiv erzwingen zu wollen. Diese Verhaltensweisen und die daraus folgenden Abstürze und Gefühle von Panik, Verzweiflung, destruktiver Wut und Depression hatte ich jedoch eher als ein „Muster“ gesehen. Oder als eine Ansammlung von Mustern und Problemen die sich irgendwie überlagern. Die ganzen Therapien, die ich versucht habe, haben nicht wirklich etwas daran geändert und ich verstand letztendlich nicht was eigentlich im Grunde meiner Seele mit mir los ist.

An dieser Stelle ein Exkurs von der Psychotherapeutinnen-Seite zum Trauma Begriff:  Das Konzept des „Bindungs- oder Entwicklungstraumas“ ist im offiziellen diagnostischen Raum noch gar nicht richtig angekommen. Bisher gab es hier nur eine Diagnose im Sinne eines Schocktraumas als „posttraumatische Belastungsreaktion“. Hier ist der Trauma Begriff neben den Folgesymptomen auch an das „außergewöhnliche Katastrophale“ Ereignis gekoppelt. Damit sind gemeint: Unfälle, Überfälle, zugeführte Gewalt, Naturkatastrophen usw. Dass auch „unspektakulärere“ immer wiederkehrende Bindungserfahrungen in der Kindheit (also der ganz normale Wahnsinn sozusagen, der natürlich bei genauerer Betrachtung tatsächlich für das Kind auch Lebensbedrohung bedeutet) eine Traumareaktion und eine Trauma Störung  hervorrufen können, war lange Zeit teilweise nur implizit klar: der Trauma Begriff wurde zwar einerseits in verschiedenen Therapien und Sichtweisen dafür verwendet, aber eben oft auch sehr unscharf und inflationär auf der anderen Seite. So dass alles und nichts ein Trauma sein konnte. Und in der „offiziellen Wissenschaft“ kommt das Thema „Bindungs- und Entwicklungstrauma“ erst in den letzten Jahren nach und nach an. Nun steht in der Diskussion, dies als eigenständige Störung als „komplexe posttraumatische Belastungsreaktion“ in die nächste Auflage des ICDs (diagnostisches Manual) aufzunehmen. Der Begriff „komplex“ deutet schon an, dass hier die ganze Persönlichkeitsstruktur mit einer Vielzahl von Symptomen betroffen ist.

Die moderne Sichtweise definiert den Begriff Trauma nicht abhängig vom Erlebnis, sondern von der Reaktion auf ein Erlebnis. Definitionskriterium ist eine Traumareaktion. In Folge von hilflosem Ausgeliefertsein an eine, als lebensbedrohlich erlebte Erfahrung“ kommt es zu Reaktionen von nicht bewältigbarer Überflutung von Gefühlen (mit späteren „emotionalen flashbacks“) und/oder in der Folge davon „shut down“ Reaktionen, indem Dissoziationen und Betäubung dafür sorgen, dass das Erlebte abgespalten wird – ein „Totstellreflex“ auf Stammhirnebene. Der Organismus kann sich im Anschluss an solche Erfahrungen also nicht mehr selbst regulieren und zu einem normalen Leben zurückkehren, er bleibt in der Erfahrung stecken. Dies alles passiert eben auch bezüglich Bindungserfahrungen in der Kindheit. Im Gegensatz dazu kann sich der Organismus bei Verletzungen und Schicksalsschlägen, die keine Traumatisierung zur Folge haben nach einer gewissen Zeit selbst regulieren und zum normalen Leben – wie es vor dem Ereignis war – zurückkehren.  Exkurs Ende.

Als ich vor einem halben Jahr auf das Thema des Beziehungstraumas gestoßen bin und zum ersten Mal richtig verstanden habe, was mit mir los ist, bin ich im Internet auf Kanäle gestoßen (s.u.), die ich sehr seriös und hilfreich fand: es waren für mich neue und extrem relevante Informationen. Meine Symptomatik lässt sich damit sinnvoll verstehen als Beziehungstrauma dem Namen zugeordnet sind wie: „Liebessucht“ Symbiosesucht“, „urge to merge“ „Ancious praeoccupied“. Geradezu schockierend für mich waren Aussagen, dass bei Bindungstraumas meiner Ausrichtung eines DER Kennzeichen ist, dass der Prozess des „Kennenlernens“ von potenziellen Partnern viel zu schnell und überstürzt ist: also sofort reinzustürzen, alles überspringen, und damit sich auch in jemand emotional nicht Zugänglichen sofort reinzustürzen. Und dass das v.a. durch eine überstürzte sexuelle Verbindung so „extrem und obsessiv “ wird, dass man emotional nicht mehr in der Lage ist da auszusteigen, auch wenn es einen zerstört.

(Es sind Therapeuten, die selber daran leiden/litten) z.B.

  • Crappy childhood fairy:  hier z.B. CPTSD and Intimacy: What Happens When We Rush In
  • Alan Robarge hier z.B. Cycle of Insecurely Attached Relationships (Codependency & Love Addiction) 

In den Beiträgen dieser Therapeuten ist es geradezu als einsichtige „Warnung“ beschrieben: diese Falle, mit der das Ganze immer wieder anfängt: viel zu schnell und zu intim und intensiv in Verbindung zu gehen und eben v.a. die „Gefährlichkeit“ von sexuellen Begegnungen ohne sicheren Bindungsraum. Also Gefährlichkeit im Sinne von Retraumatisierungen. Man kann diesem Kreislauf nicht entkommen, weil beim Bindungstrauma keine positiven Erfahrungen gemacht werden können, wenn man es nicht als Trauma versteht. Wenn man nicht versteht, dass hier etwas Dramatischeres abläuft, als ein dysfunktionales Muster oder eine Ansammlung von Symptomen.

Tantra und Trauma

Nun zum dritten und angestrebten Aspekt, der die eigenen Erfahrungen mit Tantra einbezieht. Tantra ist natürlich bei Weitem kein einheitliches Konzept.  Was ich aber das Gemeinsame für mein Thema sehe ist, dass es immer auch um einen Raum geht, in dem sehr schnell erotische/sexuelle Kontakte/Beziehungen hergestellt werden können.  

Mich hat es elektrisiert, dass die oben genannten Aussagen der Therapeuten für mich einen plötzlichen Sinn ergeben in Bezug auf meine Tantra Erfahrungen und mein ganzes Leben „danach“. Und es war auch ein Schock im Sinne von: wenn ich das früher gewusst hätte, wäre mir klar gewesen, dass der Tantra Raum für mich gefährlich ist. Da ich unter der Fahne des „pathetischen Gefühls“, dass ich spirituell und entwicklungsmäßig mich auf ganz tiefe Heilungsprozesse einlasse, die auch tiefen Schmerz mit sich bringen können, dem Bindungstrauma – Wiederholungsprozess Tür und Tor geöffnet habe. So im Moment meine gefühlte Sichtweise.

Zum modernen Trauma- Verständnis gehört, dass es nicht (vor allem) darum geht Trauma Gefühle emotional zu durchleben und damit aufzulösen. Emotionale Flashbacks können wie problematische Gefühle erscheinen, in Wirklichkeit sind sie jedoch überflutende Trauma Zustände. Trauma Zustände sind immer auch Nervensystemzustände auf Stammhirnebene, wenn das System auf Gefahr oder Lebensgefahr schaltet.  Es war für mich neu und substanziell, dass es deswegen nicht darum geht und geradezu schädlich sein kann zu versuchen, diese traumatischen emotionalen Flashback Zustände emotional zu durchleben. Und dass es unbedingt nötig ist, dies kognitiv als Trauma-Zustand erkennen und benennen zu können. Dazu gehört sich klar zu machen, dass es Zustände sind, die mit Lebensgefahr verbunden waren, die man nicht durchleben muss. Das hat für mich völlig Sinn gemacht und sofort zu einer Änderung des Umgangs und der Ausrichtung geführt und zum ersten Mal habe ich mit einer traumabezogenen Therapie grundlegende positive Veränderungen bei mir einleiten können.

Für mich muss ich nun ganz klar sagen:  ich denke, dass die Begegnung mit den Tantra Seminaren, die mir sehr viel Positives brachte, andererseits eine unheilvolle Entwicklung eingeleitet hat. Ich habe mit einer Freundin darüber gesprochen, dass ich „früher“ – und mit früher meine ich tatsächlich bis zu dem Zeitpunkt, als ich mit Tantra Seminaren in Kontakt kam – Beziehungen hatte mit Männern, die verfügbar und soweit beziehungsfähig und verlässlich waren. Da hatte ich Beziehungen noch „normal“ aufgenommen, also über ein erst mal Kennenlernen und sich dann verlieben. Ein Zusammengehen, wo beide eine Beziehung wollten. Was dann zwar auch nicht funktionierte wegen meinem damaligen generell zerstörenden Bindungsverhalten.

ABER die absolut völlig erschöpfenden und – wie ich jetzt tatsächlich sagen würde – retraumatisierenden Erfahrungen, die immer weiter vom Weg abführten, sind erst in mein Leben getreten, als ich mit der von mir so interpretierten „Tantra Philosophie“ die Grenze aufgegeben habe, langsam und kennenlernend vorzugehen und nun auszuprobieren zu können, mit potenziell jedem, mit dem ein erotischer Impuls entsteht, diesen auszuleben.  Ohne zu wissen, dass ich damit mein Trauma reinszeniere. Und ab da befand ich mich in Beziehungen mit Männern, wo es keine Grundlagen mehr gab. Ab da ist beziehungsmäßig wirklich alles aus dem Ruder gelaufen. Und jetzt im Nachhinein kann ich die einfache Regel sehen: ja, es ist tatsächlich so, wie es von Therapeuten gesagt wird, die ganz explizit mit „meinem“ Beziehungstraumas arbeiten: Sex mit einem nicht beziehungsbereiten Mann zu haben als Symbiosesüchtige – und schon ist alles verloren, weil damit die Falle zugeschnappt ist, die in völliges Desaster führt. 

Konkrete Erfahrungen

In einem Seminar habe ich eine konkrete Erfahrung gemacht, dass genau das alles aufgebrochen ist und mir nicht geholfen werden konnte, eine heilsame Erfahrung zu machen: Ich war in einem, wie ich es jetzt benennen würde, Überflutungs-/Schock-/Trauma-Zustand, als ein Mann, mit dem ich mich wieder sofort auf erotischer Ebene eingelassen hatte, sich einer anderen Frau erotisch zugewendet hat: das Abstürzen in völlige Auflösung  wenn ich aus der phantasierten Symbiose gestoßen wurde, ist im Seminar passiert. Der Seminarleiter, zu dem ich damit ging, sagte etwas sehr Gutes und Richtiges nämlich im Sinne von: wenn die Emotionen einen so überfluten, ist es manchmal zu viel, dass es nicht mehr gut ist, sich auf diese Erfahrung einzulassen, weil das nicht heilsam ist, sondern zu viel. Vor dem Hintergrund eines Trauma Verständnisses also genau das Richtige.  Das hat mich damals sehr entlastet, da ich dachte, ich müsste mich auf alles einlassen. Das hat mir wirklich geholfen und ich habe mich auch sehr verstanden und gewürdigt gefühlt. Jedoch hat es dann einfach dazu geführt, dass ich frühzeitig abgereist bin, weil ich nicht die Sicherheit für mich verspürte, dass mir damit geholfen werden kann. Natürlich kann ich nicht einmal sagen, dass nicht doch noch irgend etwas Gutes passiert wäre, wenn ich geblieben wäre. Aber für mich gab es keinen Rahmen es als Trauma Zustand einzuordnen und damit keine diesbezügliche Anleitung, was mit emotionalen Flashbacks zu tun ist. 

Wenn ich mir heute überlege was ich damals gebraucht hätte, wäre es wohl, dass mir jemand genau das gesagt hätte was gerade passiert: nämlich traumatische Überflutung, die Anleitung da rauszugehen und ein Verständnis zu entwickeln, was überhaupt daran eine Trauma Reaktion ist. Aber vielleicht gilt ja sogar: Beziehungstraumatisierte, die mit Grenzenlosigkeit zu tun haben, sollten sich vom Tantra und unsicheren Beziehungen fernhalten. 

Oder etwas weniger schwarz-weiß:  meine Ableitung wäre, dass Tantralehrer Bescheid wissen sollten über aktuelle Trauma Ansätze, um genau erkennen zu können, wann sich jemand in einem solchen Zustand befindet. Dass ein substanzieller Trauma Begriff angeboten wird, der erklärt was gerade passiert und der helfen kann aus diesen Zuständen herauszukommen. Vielleicht ist das zu viel Konzept für einen „tantrischen offenen Raum“ ich habe keine Ahnung wie das gesehen wird, aber ICH würde mich nur noch auf etwas einlassen können und wollen, wenn ich weiß, dass es auch ein Traumakonzept gibt.

Das gilt auch für dissoziative Zustände: Ich teile eine Erfahrung einer Freundin, die ein gegensätzliches „Muster“ zu meinem Symbiose Muster hat, bei der symptomatisch vor allem Dissoziationen auftreten. Auch und vor allem Dissoziationen kann man nicht emotional durchleben, das ganze System schaltet auf Totstellen, das Nervensystem und das Gehirn sind physiologisch in diesem Zustand.

Sie wurde in einem Tantra Seminar angegangen, als sie – wie sie auch erst heute weiß – in einer Dissoziation erstarrt war und auf Fragen nicht mehr reagieren konnte. Hier fehlte Hilfe den Zustand als Dissoziation klar zu erkennen und in ein Trauma Konzept einordnen zu können.

Meine Tantra Erfahrungen sind schon sehr lange her: vielleicht ist inzwischen das Trauma Verständnis im Tantra Bereich auch ausreichend vorhanden, ich habe keine aktuellen Erfahrungen. Meine Geschichte sollte nur plastisch machen was passieren kann.  Und einfach die Anregung geben, sich als Tantralehrer zu fragen ob man/frau „fit genug in Sachen Trauma ist“ um es salopp zu sagen. 

Text: anonym (Autorin den Herausgebern persönlich bekannt)

Literatur und Vorträge 

  • Entwicklungstrauma heilen, Laurence Heller, Aline LaPierre
  • Verkörperter Schrecken, Bessel van der Kolk
  • Die Polyvagaltheorie und die Suche nach Sicherheit, Stephen W. Porges
  • Sprache ohne Worte, Peter A. Levine
  • Komplexe Traumafolgestörungen, Martin Sack, Ulrich Sachsse, Julia Schellong (Fachbuch)
  • Dami Charf: Videos auf youtube
  • Jörg Fuhrmann: Videos auf youtube
Tantra und Trauma aus drei Perspektiven
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2 thoughts on “Tantra und Trauma aus drei Perspektiven

  • 23. Februar 2021 um 23:13
    Permalink

    Vielen Dank für den fundierten und authentischen Text samt links. Tatsächlich habe ich – neben einem großen Gewinn durch Tantra-Erfahrung – auch folgendes erlebt: Seit dem finde ich mich immer wieder in nicht beziehungsbereiten Begegnungen. Das sind mir nun die Augen, der Zusammenhang, geöffnet worden.

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