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Corona hat alles auf den Tisch gepackt. Dieser Text stammt aus dem Frühjahr 2021, einer Zeit voll Licht und Schatten. Jetzt im Sommer ist alles ausgeleuchtet. In der warmen Sonne fällt es leichter, zu vergessen, dass zur dunklen Seite unserer westlichen Kultur die Vereinzelung gehört. Dass das Ich zwar ein historischer Schritt war, denn niemand will den braunen Volkskörper oder die Autorität von Kirche und König zurück. Es aber an Gemeinschaft und Verbindung (für die nächsten Schritte in der Entwicklung der Menschheit) fehlt. Unsere „Leistungsgesellschaft“ bringt massive Ungleichheit, Egoismus und Polarisierung hervor. Lauter kleine Ich-AGs sind das Ergebnis. Der Schatten, den wir jetzt in der Pandemie nicht sehen wollen, ist die schleichende Gewöhnung, in einer eingeschränkten Welt zu leben. Nach Außen zeigen wir überwiegend das Verhalten, dass von der „Gesellschaft“ positiv gewertet und anerkannt wird: Große Bereitschaft, eine schläfrige Akzeptanz von Ge- und Verboten. So wie vor 50 Jahren FREIHEIT und AUFBRUCH großgeschrieben wurden, ist es jetzt das Wort SICHERHEIT. Und zukünftig?  

Wir leben in einer Gegenwart, die sich permanent so anfühlt, als hätte sie ihre Zukunft schon durchlebt. Gesellschaftlich fehlen die Visionen, der über individuelle Ansätze hinausgehende Wunsch, an einer besseren Welt zu arbeiten. Politisches Marketing mag es dafür geben geben, Demos von Fridays for Future, aber auch viele Fragezeichen und Leerstellen. In der Breite der Bevölkerung hat er einen schweren Stand: der Wandel zum Besseren hin. Weil Ziele und Taten, konkrete Ergebnisse und geschaffene Fakten in die andere Welt, die von Elon Musk oder Xi Jinping gehören? Angesichts der globalen Erwärmung wird uns noch dieses Jahrzehnt bleiben, das Ruder herumzureißen. 

Auch außerhalb der Pandemie stecken wir in einem zähen Gegenwartsbrei fest und staunen, wie schnell sich die Welt um uns herum dreht. Wie schnell andere Veränderungen bewerkstelligen. Dabei wissen wir doch seit Jahrzehnten um die immense Bedeutung von Klimaschutz, Gleichstellung und Breitbandausbau. Oder die Herausforderungen der parlamentarischen Demokratie durch Autokraten, Rechtsextremismus und Digitalisierung. Doch, muss man sagen, wir arbeiten daran. Und setzen munter darauf, dass alles schon gut werden wird. Ansonsten sind wir kritisch. Elon Musk beispielsweise? Aber Hallo!?! *innerer Augenroll-Emoji      

Liebe und Kreativität

Liebe ist ein Störfaktor. Liebe trägt uns auf einer Welle fort, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Liebe schlägt ein wie der Blitz oder schleicht sich an, hakenschlagend auf Samtpfötchen. Dass wir mehr Liebe in unserer Welt (und unseren Beziehungen) brauchen, ist so lapidar dahergesagt wie schwer zu erreichen. Dafür braucht es Zeit, die sich nicht jede(r) nimmt. Dafür braucht es Begegnung. Und die Werkzeugkiste, sich auf Nähe und Berührung, Austausch und Miteinander überhaupt einlassen zu können. Es beginnt damit, im Freundeskreis die Freundschaft an sich zu pflegen. Jeden Tag und jede Nacht entscheiden wir, ob wir neben oder mit einem Menschen leben bzw. schlafen. Ob wir lieben und die Liebe (mit-)teilen und dadurch erblühen lassen, oder lediglich einkaufen, kochen, duschen, aufräumen, arbeiten, ausruhen. Wobei für jemanden kochen ein Zeichen der Liebe sein kann.  

Kreativität ist ein Modewort. Es wird zu oft gebraucht und fühlt sich benutzt (und damit missbraucht) an. Denn sie findet mainstreamig statt, hübsch wie sie ist, im Rahmen bekannter Überschriften, die an Bastelsets und Hobbykeller erinnern. Individuelle Ausreißer mag es geben, aber der gemeinschaftlich begangene Übertritt bleibt aus. Mit Holzlatten und Tüchern gebaute Sonnensegel, um wie auf dem Berg Monte Verità die Sonne einzufangen, Landart, Happening und Commoning, und – nur mal als Beispiele – Playfighting, rituelle Begegnungsformen oder ekstatischen Tanz, der bei wilden Moves nicht aufhört, sondern über die Erschöpfung bis zur Befreiung führt: Wo ist das Große? Wer kommt denn wirklich aus der eigenen Komfortzone heraus? Selbst Therapie hat in manchen Kreisen Wohlfühl- und Wellnesscharakter. Dabei braucht es Heilung, die bei den eigenen Schattenanteilen und dem inneren Kind nicht aufhört. Übersetzt heißt das: Nicht nur die Seele streicheln. Sondern auch die Sau rauslassen. Und streicheln.   

Wut und Traurigkeit

Und was in diesen Zeiten auch erlaubt ist: Wut und Traurigkeit. Es geht uns nach allen nicht gut gerade, jedem auf seine Weise. Gefangen in einer ewigen Corona-Schleife ist es richtig, den Frust, die Scham und die Sorgen zu zeigen, sich zu offenbaren in der eigenen Schwäche, über Monate irgendwie durchzuhalten. Viele von uns haben den Eindruck, sich nicht beklagen zu dürfen, weil wir doch privilegiert seien – im Vergleich zu anderen, denen es schlechter gehen müsse. Das stimmt einerseits, macht die Sache aber nicht besser, sondern noch verfahrener. Weil wir uns selbstregulieren, -zensieren, -strangulieren…  Dabei ist Corona kein Stromausfall, den man bei Kerzenschein im Bett verbringt. Die Zahlen zeigen, dass die Menschen weniger Sex haben, dafür die häusliche Gewalt um 20-25 Prozent (sic!) zugenommen hat. Das sind alarmierende Zeichen. Ständiges Kleinreden der eigenen Belastung erzeugt Stress, verharmlost die Zumutung, dass wir unsere Kinder betreuen und beschulen und gleichzeitig unseren Job machen. Nichts darf selbstverständlich sein an diesem Mist! Und ist es doch bereits geworden. In der Tugendlehre der nikomachischen Ethik sagt Aristoteles: „Alles was zu viel wird, wird wieder zur Untugend.“ 

Neulich gab es ‚Fake Therapy‚ mit Beate Absalon, online versteht sich, im Kunstraum Niederösterreich. Was sich gezeigt hat: Wir können alle heilen, uns gegenseitig heilen, gerade wenn wir „un-professionell“ agieren, uns auf den Moment einlassen, fühlen. Ein an Beuys erinnernder Berg mit Textilien und Leistungsdruck in unserer Gesellschaft waren die Themen. Hundert Jahre wäre der große Schamane nun alt geworden. Gesamtgesellschaftlich gilt: Corona hinterlässt kollektive Wunden (und Schatten) und kollektiv können wir diese auch versorgen (und sichtbar machen). 

Heraustreten aus dem Alltäglichen

Ein Mittel, das dabei hilft, ist der gemeinschaftliche Exzess. Das Ausgelassene, Wilde, Freie als Gegenpol zur Einschränkung und Entsagung. Die wir jetzt so lange leben, weil alles, alles irgendwie (weiter?) gehen muss, Wirtschaft, Schule, Einkaufen, nur das gesellig Exzessive eben nicht. Dabei geht es nicht darum, sich zu besaufen, bis man unter dem Tisch liegt. Es geht um Wesentlicheres, Älteres: Um Dichte und Gedränge geht es, um die Intensität, die einem Lebewesen nicht allein gelingt. Der Exzess ist die Lücke in der Ordnung, die die Ordnung erträglich macht. Denn ohne Ausschläge kein Gleichgewicht. 

Exzess ist vielleicht ein Persönlichkeitsanteil in dir, den du im Laufe deines Lebens negativ bewertet hast und der für dich nicht akzeptabel ist. Exzess kann, aber muss nicht negativ konnotiert sein. Für mich steht das Wort für Kraft, Power und Energie. Das Wort hat nicht dieses Süß-Klebrige, dass wir mit der „Ekstase“ verbinden, der Verzückung in sexuellem oder religiösem Sinne. Exzess, von lat. excedere, „heraustreten“, kann auch und gerade in der dionysischen Spiritualität bis zur Gotteserfahrung führen, hat dadurch etwas Reines und Essentielles. Wir benötigen diese Lagerfeuer im Rad des Jahres. Sie ermöglichen uns, Normdiktate in Frage zu stellen, anderes Denken und Fühlen zu wagen. Mal heißer, mal kühler, denn es gibt ihn auch, den Exzess der Langsamkeit, phantasieanregend, kontemplativ, entschleunigt. Immer ist dort ein Überschuss (an Bedeutung), ein Spannungsverhältnis in entwicklungsfördernder Tradition. Ich übe mich im Ausprobieren, in der Integration dessen, was vielleicht nicht meinem Idealbild entspricht. Ohne Licht gibt es keinen Schatten, ohne Schatten aber auch kein Licht. 

Manchmal gilt es, Grenzen zu überschreiten. Wobei die Überschreitung erst die Grenze macht. Ich bin dann nicht mehr auf mich selbst zurückgeworfen, sondern Teil einer vertrauten Gruppe. Ich spüre deren Netz, das mich nicht einengt, sondern auffängt und trägt. Verschwunden ist der Eindruck, mich nicht zeigen zu dürfen, weil es eben Gründe gibt, sich sehr wohl zu zeigen und das auch zu tun. Gemeinschaftlich, im absolut eigenen Sein. Für mich persönlich kommt so die Resonanz und die Relevanz in die Welt. Beim gemeinsamen Spaziergang, in der Dynamischen, durch ein Pasta-Fest und Wein-Gelage, das an ein Symposion wie bei den alten Griechen erinnert.  Ich sehne mich nach den Aerosolen, die beim Tanzen und Singen und heftigem Atmen ausgestoßen werden. Ich sehne mich nach dem Großen, der Liebe und der Kreativität und möchte nicht mehr gesagt bekommen, dass ich die kleinen Dinge schätzen lernen soll. Hören wir auf damit. Normalisieren wir keine Situation, die nicht normal ist. 

Text: Till Ferneburg

Webseite: www.tillferneburg.kleio.com 

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