Grenzen respektieren oder überschreiten?

„Gott liebt dich durch mich“

Das war meine schönste Erfahrung, die ich im Rahmen meiner Tantra-Erfahrungen erlebt habe. Während einer stillen Vereinigung hörte ich in mir diesen Satz, der mich zutiefst berührt hat.

Als ich mich zum ersten Mal im Jahr 1998 auch praktisch dem Thema Tantra annähert, hatte ich kurz zuvor eine Krebsdiagnose bekommen: Platten-Epithel-Karzinom (ein mittelgradig bösartiger Tumor) in der Nase. Diese Diagnose habe ich sofort psychosomatisch verstanden, im Sinne von „Du hast die Nase voll“.

Meine berufliche Situation war von viel Stress gekennzeichnet, ich hatte die Stelle gegen meine innere Stimme angenommen, nur weil ich mit einer Leitungsposition mehr Geld verdienen konnte; meine Ehe war mehr unheilvoll als unterstützend, gerade auch in dieser Zeit der Auseinandersetzung mit der Diagnose Krebs.

Die Erkrankung löste in mir die ernsthafte Frage aus, ob ich leben oder sterben will. In mir entstand eine Klarheit darüber, dass ich leben will! Gleichzeitig wusste ich, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss, damit wieder mehr Lebensfreude zu mir kommen kann. Eine Möglichkeit dazu war für mich, mir endlich eine tantrische Massage zu gönnen, mit der ich mich seit dem Jahr 1996 theoretisch beschäftigt hatte.

In meiner Kindheit habe ich emotionalen Missbrauch erlebt und später als Jugendlicher gab es Grenzüberschreitungen, die durch sexuellen Missbrauch entstanden sind. Durch psychotherapeutische Unterstützung konnte ich diese für mich unheilvollen Grenzüberschreitungen aufarbeiten. Mir war klar, dass ich bei einer tantrischen Massage einen sicheren Ort brauchte, bei dem meine Grenzen vertrauensvoll und verbindlich geachtet werden.

So war ich glücklich, eine Frau zu treffen, die bei Sky Dancing Tantra ausgebildet wurde und bestimmte Bedingungen an ihre Art der Massage knüpft. Sie hat mir im Vorgespräch deutlich zu verstehen gegeben, dass sie weder nackt massiert, noch meinen Lingam sexuell stimulieren wird, um so mein Empfinden auf den ganzen Körper auszudehnen. Das kam mir seinerzeit sehr entgegen, weil ich mich auf diese Weise sehr offen und mit großem Vertrauen auf diese tantrische Erfahrung einlassen konnte.

Ich erlebte diese wundervolle Massage, bei der ich durch die Musik von Deva Premal und Lex van Someren tief in mein Inneres eintauchen konnte und durch die Berührungen gleichzeitig meinen Körper bewusst genießen durfte. So wurde diese Massage für mich zu einem tiefen mystischen Einheitserlebnis, das ich sonst nur in der Kontemplation auf meinem spirituellen Weg erfahren habe.

Ein großes Geschenk, für das ich meiner tantrischen Masseurin sehr dankbar bin, gerade auch für ihre klaren Grenzen, auf die sie von Beginn an großen Wert gelegt hatte. Für mich persönlich war diese Einhaltung meiner Grenze eine notwendige Voraussetzung, um mich auf die innere Grenzerweiterung einlassen zu können, die ich später genießen konnte.

9 Jahre danach begegnete ich dann meinen tantrischen Lehrern Frank Fiess und Michaele Kuhn, die in Berlin im damaligen Institut für Lebenskunst und Tantra eine dreijährige Ausbildung im „Weg der Liebe“ angeboten haben. Zuvor hatte ich bei Frank bereits im Männertraining wieder durch einen tiefen Respekt vor den Grenzen meine Verletzungen im sexuellen Bereich heilen können. In der gesamten Ausbildung bildete das Respektieren von Grenzen ebenfalls eine wichtige Säule in deren Arbeit. Jahre später konnte und kann ich auch tantrische Massagen genießen, die die Lingam-Massage umfassen 🙂

Für mich war aufgrund meiner Biographie jedoch wichtig, dass ich diese Grenzüberschreitung in meinem Tempo angehen konnte. Meine Partnerin und ich schenken uns inzwischen gerne zu Weihnachten gegenseitig eine tantrische Paar-Massage in einem Tantra-Massage-Institut. Wir teilen diese Erfahrung gerne im gemeinsamen Raum. Wenn ich dabei während der Lingam-Massage einen Höhepunkt erlebe und diesen hörbar genieße, dann freue ich mich mit einem innerlichen Lächeln über diese Grenzüberschreitung 🙂

Jahrelang hatte ich den Standpunkt vertreten, den ich von meiner ersten Lehrerin übernommen hatte, dass diese Lingam-Massage bis zum Orgasmus ein „No Go“ war.

Viele Menschen, die zum Tantra kommen, haben in deren Leben ebenfalls zuvor sexuelle Missbrauchserfahrungen, bzw. Übergriffe erlebt; das haben mir viele Tantra-Lehrer, bzw. –Masseure, mit denen ich mich darüber ausgetauscht habe, bestätigt. Mir ist es daher wichtig, die Grenzen anderer zu respektieren. Dabei kann es dann eine Einladung geben, neue Schritte zu wagen, wenn es sich richtig anfühlt. Ein provokatorisches Grenzüberschreiten war für mich weder im therapeutischen Setting, noch im Tantra, vorstellbar. Jedoch habe ich von anderen Menschen gehört, dass genau diese Haltung der Grenzüberschreitungen das für sie genau Richtige war.

Wer heilt, hat Recht, das ist meine Grundüberzeugung!

Namasté

(ich verneige mich vor dem von Gott/der Göttin in dir)

 

Text: Manfred-Johannes Reher

Webseite: www.kontemplatives-handauflegen.de

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Johannes Reher

Manfred-Johannes Reher ist Lehrer der Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK), die vom Benediktinerpater und Zen-Meister Willigis Jäger gegründet wurde. Willigis Jäger hat ihn bereits im Jahr 1998 persönlich beauftragt, Kurse in Kontemplation zu geben. Reiki 1. und 2. Grad (1999-2000). Durch eine Krebserkrankung entdeckte er den Weg des Handauflegens, und wurde hierzu vom ev. Pfarrer Ernst Tirpitz 2003 zum Lehrer für Handauflegung eingeweiht. Ausbildung „Der Weg der Liebe“ im Berliner Institut für Lebenskunst und Tantra (2007-2010) durch Frank Fiess und Michaele Kuhn. Cherag (Priester) im Internationalen Sufiorden; Einweihung durch Pir Zia Inayat Khan, Ostern 2011

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