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Der Künstler als moderner Schamane

Von Charles Eisenstein wissen wir, dass wir Teil des Kosmos sind und in und durch unsere Beziehungen existieren. Schamanismus, Tantra und Kunst stärken diese Beziehungen. Mittler zwischen den Welten, diese Menschen benötigen wir mehr denn je, wenn es um Wechselwirkungen mit den Kräften der Natur geht. Weil wir angesichts des Klimawandels eine qualitativ andere Zukunft mit konsistenten Bildern brauchen. 

Künstler*innen und Schaman*innen haben gemeinsam, dass sie für etwas jenseits der Alltags-Existenz stehen, unserem Hamsterrad aus Arbeiten, Essen, Schlafen, Spielen. Der materielle Mensch konsumiert und funktioniert. Er verdient Geld, damit er sich ablenken, d.h. „Freizeit“ gestalten kann. Erlerntes, nicht erfahrenes Wissen, gilt ihm als Zeichen von Intelligenz. Ziele erhalten mitunter auch die Funktion, Handeln zu ersetzen. Erreicht man ein Ziel nicht, definiert man ein neues. Wir alle sind dabei so weit von unseren Ursprüngen entfernt, dass es uns nicht weiter auffällt. 

Religionen und moderner Religionsersatz sterben nicht aus. Schönheit und Sinn werden gesucht, Zeichen von Größe, Erhabenheit, Ergriffenheit. So kam die Höhlenmalerei in die Welt, die Architektur oder Friedrich Schillers „An die Freude“. Und angesichts des Siegeszugs von Ratio und Wissenschaft auch die Ahnung, dass es da noch etwas anderes geben müsse, Intuition zum Beispiel, altes Wissen, Feinstoffliches, Sinnliches, Transzendenz. Pilgerfahrten in den Ashram sind populär, Schwitzhütten oder Magazine wie Happinez und Emotion. Eine populärwissenschaftliche (auch esoterische) Definition von Schamanismus gibt es zwar, ein Konstrukt aus eurozentrischer Perspektive, spekulativ und romantisierend, das sich gut verkaufen lässt: Doch will ich Mircea Eliade, Carlos Castaneda oder Michael Harner zitieren? Vom Krafttier und den Spirits sprechen?  

Freistil- und Neoschamanismus

Enge Definitionen machen mich nicht glücklich. Jan Fries spricht vom Freistilschamanismus, bezeichnet sich als Neoschamane – so wie es auch (und sehr verbreitet) Neotantra gibt. Gemäß Fries bestehen die Grundübungen der magischen Praxis in Imagination und Visualisation. Und damit sind wir bei den Gemeinsamkeiten von „Schamanismus“, „Tantra“ und „Kunst“: 

  • Es geht um eine Brücke zwischen der äußeren und der inneren Welt, um Legierungen, Verzahnungen und Verbindungen; auch den damit verbundenen Aufbrüchen, dem Aufbrechen von Wunden und Schatten und Schönheit, um restlos ALLEM zu begegnen, was ist. 
  • Die Schnittstelle ist das Schöpferische, die gemeinsame Projektionsfläche, unter Zuhilfenahme von indigenem Wissen, Meditation oder ritueller Ekstase, Trance-Übungen, Gesängen, Einsichten, dem Hinaustreten – auch in experimenteller Existenz und ohne „Kontrolle“. 
  • Eine Gemeinsamkeit ist der Aspekt „Heilung“, der in der Transformation steckt. Heilende Kunst ist aktueller denn je, Beziehungsstärke, Ganzheitlichkeit, kultiviertes Interesse am Menschen, der Zugang zum Unbewussten, auch das Gleichgewicht zwischen den Welten bzw. die Überwindung des Dualismus sind Mittel und Ziel. 
  • Phantasie und Vorstellungsvermögen braucht es, um in einem abstrakten William Turner, einem waldfinnischen Runenlied oder den fünf M einen tieferen Sinn zu erleben. 

Wenn Tantra kein Sex mit Räucherstäbchen ist, dann ist Schamanismus kein Trommeln und Smudge-Stick schwenken. Schamanismus im Kern ist eine Seins- und Naturtheorie, ein Zugang zum Sein durch spirituelle Praxis bzw. rituelle Handlungen. Bei den mongolischen Völkern sind tantrischer Buddhismus und Schamanismus in enger Verwandtschaft zu finden. Bön als spirituelles Erbe in Tibet ist ein Ursprung des tibetischen Tantrismus. Und auch im modernen Künstler bzw. der modernen Künstlerin können wir die Schamanenrolle sehen, wenn wir restlos ALLEM begegnen, was ist. Denn dann sind wir frei von Wertungen, überwinden jenen Dualismus in seinen Formen der Trennung von Selbst und Umwelt, von Heiligem und Profanem, von Gut und Schlecht. Oder Lunghi und Adlerfeder, Tantra und BDSM, Gegenständlich und Abstrakt. Schamanismus, Tantra und Kunst führen zu einem umfassenderen, tieferen Blick auf und in die Welt. Der eine Mensch benötigt dazu ein Stück vom mexikanischen Kahlkopf, ein anderer die narkotische Musik aus Wagners Tristan oder eine meditative Nacht unterm Sternenzelt. Wertungen, was „echter“ ist oder „richtiger“ sei, verraten viel über denjenigen Menschen, der sie vornimmt. Doch, Action Painting rockt genauso gut wie die Dynamische! 

Weltbild ver-rücken

Mitten in der Klimakrise ist ein umfassender gesellschaftlicher Wandel und ein neues Narrativ von Nöten. Rein intellektuell darf sich dieses Narrativ nicht erfassen lassen, soll es doch neues Spüren und Einlassen ermöglichen. Neoschaman*innen, Künstler*innen und Ritualleiter*innen leisten dazu einen Beitrag, in der Natur, mit unserer Natur. Auch einen ver-rückten Beitrag, der etwas verrücken kann im Welt- und Seinsbild, wenn sie sich wie Joseph Beuys mit einem Koyoten einsperren lassen, Schwefel in die eigenen Stiefel reiben oder minutenlang ein Hirschröhren imitieren. Und den Eurasienstab in den Händen halten, einen Schäferstab, um elektrische Energie, und, im metaphorischen Sinne, Ideen zu übertragen.  

Mythologie, Schamanismus, Anthroposophie, Alchemie und Mystik waren zeitlebens Themen für Joseph Beuys. Er war einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts und ein verwundeter Heiler im Sinne C. G. Jungs, der unser auf ökonomische Ziele und rationale Effizienz verringertes Bewusstsein durch seine Arbeiten erweitern wollte. Wer Beuys auf Anglerweste und Fettecken reduziert, der hat sich entweder nicht mit ihm beschäftigt bzw. keinen Zugang gefunden ODER hält auch Tantra vordergründig für eine ölige Angelegenheit.  

Transformation meint schöpferisch sein

In diesem Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden. „Jospeh Beuys und die Schamanen“ heißt eine Ausstellung im Museum Schloss Moyland, das weltweit die größte Beuys-Sammlung besitzt. Schamanismus ist ein Weg der Ekstase, um herauszutreten. Beuys wollte berühren und berührbar sein. Die seelische und körperliche Verletzlichkeit des Menschen war sein Thema. Nicht zufällig trägt eine seiner bekanntesten Installationen den Titel „Zeige deine Wunde“. Wie ein Schamane setzte er auch seinen Körper als kreatives Instrument ein, arbeitete er aus den unterschiedlichsten Materialien, gerade auch dem Stein und seiner mineralischen Beschaffenheit heraus (Gebirge als Skelett der Erde). Blei und Basalt als Gegensatz zum warmen, organischen Fett und Öl, Torfbriketts und Koks als Energieträger, die Transformation von Materialien war ein grundlegendes Element seiner Arbeit. Um brauchbarere, phantasievollere Modelle für unser Zusammenleben zu entdecken, benötigen wir diese Quellen zur Entwicklung unserer verkümmerten Imagination. Sein berühmter Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ meint, dass in jedem von uns schöpferische Kräfte wohnen, die unseren eigentlichen Wesenskern ausmachen.   

Ein besserer Umgang des Menschen mit sich und der Welt entsteht aus neuen Blickwinkeln, einem veränderten Sehen. Dieser neue Seins-Zustand erwächst aus dem eigenen Tun. Aus dem Entfalten und Mitgestalten. Prozesse und Erfahrungen sind daher wichtiger als Lehre und Erlerntes. Ergriffenheit will erfahren werden. Ansonsten passiert bloß das, was bei einer guten Zeit in der Partnerübung passiert: Sie hebt die Stimmung. Ansonsten reproduzieren wir das alte Narrativ vom ‚Wir‘ und den ‚Anderen‘, das nicht über die Tagesaufgaben hinausgeht. Ansonsten bleibt sie aus, die transformative Kraft, die in der Idee der Sozialen Plastik des Schamanen Joseph Beuys steckt. 

Text: Till Ferneburg

Webseite: www.tillferneburg.kleio.com 

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One thought on “Der Künstler als moderner Schamane

  • 24. Oktober 2021 um 12:30
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    Das ist wahrlich ein herausragender Artikel, der zum Nachdenken anregt. Für mich ein Feuerwerk an Gedanken und Eindrücken, jenseits des Trommeln und Smudge-Stick-Schwenken, wenn sich Menschen der Zusammenhänge und der daraus erwachsenden (möglichen) Bedeutung nicht klar sind oder diese Tiefe gar nicht erst anstreben. Zugegeben: Die meisten SeminarbesucherInnen sind BesucherInnen und setzen sich nicht derart mit Schamanismus auseinander.

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